Zwischenlandung im Ungewissen: Über die Kunst, sich treiben zu lassen

REISETAGEBUCH

9/21/20244 min read

Ich verstehe keine Menschen, die freiwillig Achterbahn fahren. Oder ähnliche Höllenmaschinen.

Das ist der einzige Gedanke, der mir in diesem Moment noch bleibt, während mein Magen sich anfühlt, als hänge er irgendwo zwischen linker Niere und Bauchspeicheldrüse.

Zweiter Landungsversuch. Und wieder schaffen wir es nicht runter.

„Wir verpassen noch alle unsere Anschlussflüge“, stellt mein Sitznachbar genervt fest.
Ehrlich gesagt bin ich einfach nur froh, dass es mittlerweile „nur noch“ wackelt und wenigstens nicht mehr blitzt. Vor einer halben Stunde flogen wir mitten durch das stärkste Unwetter, das ich je in einem Flugzeug erlebt habe. Draußen war nichts als weißer Nebel und die grellen Gewitterblitze, der Flügel kaum mehr zu sehen. Nur das grüne Licht der Tragflächen flackerte noch vage in der Ferne.

Immer wieder steigen wir, sinken ab, steigen erneut. Wir kämpfen uns durch die Wolken, ohne dass wir je auf der anderen Seite ankommen.
„Wir sind immer noch 1500 Meter über dem Boden“, sagt mein Sitznachbar plötzlich, sein Blick auf den Höhenmesser seiner Armbanduhr gerichtet.

Ich starre ihn kurz an. Bin ich wirklich so sehr mit meiner Übelkeit beschäftigt, dass mir nicht einmal klar war, wie tief wir schon sind? Aber klar. Wolken stehen nicht auf 10.000 Metern.

Endlich brechen wir durch. Unter uns: Stadtlichter. Der Bosporus, der sich wie eine schwarze Schneise durch das Gold zieht. Eine Runde. Noch eine. Dann noch eine.

„Wir fliegen jetzt zum fünften Mal an dieser gottverdammten Brücke vorbei“, flucht mein Sitznachbar.

Ich habe andere Sorgen. Mein Magen gibt auf. Ich reiße die Papiertüte auf, mein Nachbar schaut mich halb mitleidig, halb angewidert an.
„Jetzt hast du so lange durchgehalten und dann machst dann doch noch auf den letzten Metern schlapp.“

Willkommen in Istanbul.

**

Der Flug ist weg. Wahrscheinlich schon längst. Es ist 2:30 Uhr morgens. Ein deutsches Pärchen, das ebenfalls nach Jakarta will, hat vorhin noch versucht, das Boardpersonal zu bezirzen, damit sie als erste aus dem Flugzeug dürfen. Sie hoffen darauf, dass auch der Anschlussflug verspätet ist und wir ihn noch irgendwie erwischen.

Ich hingegen sitze da und hoffe das Gegenteil.
Ein merkwürdiger Gedanke, aber dazu komme ich noch.

**

Die Schlange an der Passkontrolle schiebt sich träge vorwärts. Ich habe keine Ahnung, wo ich hinmuss.

„Was wurde eigentlich aus dem türkischen Lira? Und die Türkei ist schon in der EU oder?“

Ich fühle mich wie die dümmste Touristin überhaupt und merke, wie sehr mein Hirn noch in den Seilen hängt.
Dann zücke mein Handy und google. Kein EU-Datenroaming. Oh Mist. Das Googlen eben wird wohl teuer.

Völlig übermüdet gebe ich dem Passbeamten meinen Reisepass. RUMS. Der Stempel schlägt ein, ein freundliches Lächeln, ich bin drin. Ups. Also doch kein EU-Land.

**

Ich verzögere den Gang zur Hotelschlange, verzettle mich beim Geldwechseln, halte mich so lange auf, wie es nur irgendwie geht.

„Huhu!“ ruft es plötzlich von der Seite.

Ich drehe mich um. Oh Mist. Da steht wieder die fünfköpfige Truppe ordinärer Deutscher, die mich bereits in Frankfurt in jeder Schlange verfolgt hat. Auch sie wollten eigentlich nach Johannesburg und müssen nun zwangsgedrungenermaßen eine Nacht hier verbringen. Das gemeinsame Schicksal scheint in ihnen den Eindruck zu erwecken, sie hätten mich jetzt nun offiziell in ihre Gruppe adoptiert. Ich weiß nicht, ob sie mir nicht zutrauen, hier alleine klarzukommen – oder ob sie sich es sich selbst nicht zutrauen. Jedenfalls muss ich morgen noch vor dem Frühstück die erste Gelegenheit nutzen, um mich von ihnen abzusetzen. Denn das Wetter ist schlecht, doch ihre Stimmung ist noch schlechter.

Ich kann das nicht nachvollziehen, denn ich freue mich über den zusätzlichen Tag, den ich von der Fluggesellschaft geschenkt bekomme. Ein ganzer Tag in einem weiteren Land. Ein Luxushotel mit Flughafen-Shuttle, eine Nacht in weichen Kissen. Während meine temporären Reisebegleiter sich lautstark beschweren, wittere ich meine Chance. Morgen vor dem Abflug noch zur Hagia Sophia. Vielleicht auch zur blauen Moschee. Vielleicht noch ein wenig mehr.

Plötzlich sehe ich die Kolumbianerin wieder, mit der ich mich irgendwann zwischen Gate 42 und Gate 67 in Frankfurt unterhalten habe. Es war eine dieser kurzen Flughafenbegegnungen – freundlich, aber distanziert. Sie sprach mit der kühlen Effizienz einer Person, die es gewohnt ist, nicht zu viel von sich preiszugeben. Umso mehr überrascht es mich, als sie mich zum Abschied einfach einlädt, sie im Oman zu besuchen.

„Ich arbeite dort“, sagt sie, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, dass eine kolumbianische Augenklinik sich ausgerechnet in einem arabischen Wüstenstaat niederlässt.

Es erinnert mich an die Straßen von Arequipa in Peru, wo gefühlt jeder zweite Laden ein Optiker ist. Ich erinnere mich noch daran, wie ich damals in einem Anfall von naiver Logik gefragt habe: „Warum verteilt ihr euch denn nicht besser?“

Der Optiker hatte mich angesehen, als hätte ich irgendetwas Grundlegendes übersehen. „Naja, hier gibt es Menschen, die können schlecht sehen.“

Eine perfekte Antwort. So simpel, dass sie mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist.

Die Verteilung lateinamerikanischer Augenheilkunde ist mir bis heute ein Rätsel. Und warum eine kolumbianische Klinik ausgerechnet im Oman operiert? No entiendo. Aber irgendwann habe ich aufgehört, nach Erklärungen zu suchen.

Manche Dinge existieren einfach. So ähnlich, wie ich gerade existiere – irgendwo zwischen zwei Flughäfen, zwischen zwei Plänen und inmitten von Fragen, auf die es keine zufriedenstellenden Antworten gibt.

Um 5:30 Uhr falle ich endlich ins Bett, nachdem die letzten Touris ihre Zimmerkarten wie müde Gladiatoren aus dem Kampf mit der Hotelrezeption nach Hause getragen haben. Ich selbst fühle mich wie die Prinzessin auf der Erbse. Warum braucht ein Mensch acht Kissen?