Zwischen Transit und Teegeschmack: Vom Verlaufen und Ankommen
REISETAGEBUCH
9/22/20243 min read
Um 6:30 Uhr reißt mich ein Klang aus dem Schlaf, den mein Gehirn erst nicht zuordnen kann.
Dumpf, getragen, über die Stadt schwebend. Ein paar Sekunden später bin ich wach genug, um zu begreifen: Muezzin.
Der Ruf hallt aus den Lautsprechern der Minarette, durch die Straßen, durch die Hotelwände, direkt in meinen Kopf. Kurz bin ich irritiert über den ungewohnten Gesang, dann erinnere ich mich an die Verbotsdiskussionen damals in der Zeit, in der Mama und ich immer Schweizer Radio gehört haben. Damals eine abstrakte Debatte, heute sitze ich mittendrin. Vielleicht sind acht Kissen als Schallschutz doch nicht ganz so überflüssig, wie ich letzte Nacht noch dachte.
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Um 8:30 Uhr stehe ich wieder auf. Die Nacht war kurz, doch ich will nicht trödeln – schnell frühstücken, dann los in die Stadt. Wenn ich mich beeile, schaffe ich vielleicht sogar mehrere Moscheen. Ein ambitionierter Plan.
Ein Blick auf die Karte zerstört diesen Plan schnell.
Der Flughafen: 40 Kilometer außerhalb.
Die Stadt: irgendwo in der Ferne, durchzogen von Verkehrsadern, die sich langsam und zäh bewegen wie alter Honig.
Klar könnte ich meine Idee durchziehen und einfach mit dem Bus reinfahren. In der Praxis ist es jedoch eine Reise für sich. Eine kleine Weltreise in der Weltreise. Ich seufze, drücke auf den kleinen Knopf meines Handys und akzeptiere, dass „schnell“ heute nicht stattfinden wird.
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Das Frühstück ist anders, als ich es erwartet habe – und das ist eine angenehme Überraschung. Keine leblosen Wurst- und Käseplatten, keine fade Müsliecke, sondern dampfendes Gebäck, gegrillte Oliven und Minze. Ich probiere mich durch alle Olivensorten, stelle fest, dass ich eine Vorliebe für die dunklen, leicht geräucherten entwickle, und nehme mir vor, das für später zu merken. Dann breche ich auf.
Draußen erwartet mich die erste Hürde.
„Permiso, donde está…?“
Ratlose Blicke. Ach, stimmt, da war ja was.
„Do you speak English?“
Noch mehr bedauernde Mienen. Niemand spricht hier Englisch. Und ich, die sich auf ihren Reisen immer auf Sprache verlassen hat, stelle fest, dass das plötzlich keine Option mehr ist.
Spanisch hat mich in den letzten Jahren durch so viele Länder getragen, dass ich es für selbstverständlich hielt, mit irgendeinem Idiom weiterzukommen. Doch hier hilft mir das wenig. Mein Handy kann mir die Frage nicht beantworten, und der Busfahrer kann mir auch mit Händen und Füßen nicht klar machen, ob das hier die richtige Richtung ist oder ich am Ende auf irgendeinem LKW-Parkplatz lande. Google Übersetzer bleibt stumm, wahrscheinlich immer noch beleidigt, weil ich die App nie installiert habe.
Nach einer Weile finde ich jemanden, der Englisch spricht. Erleichtert frage ich ihn, ob er mir helfen kann, mit dem Busfahrer zu reden.
„Oh, I don’t speak Turkish either.“
Aha. Blöd gelaufen.
Also improvisiere ich. Ich steige einfach in den Bus. Verfolge die Route auf Google Maps, in der Hoffnung, dass wir irgendwann in die richtige Richtung fahren. Falls nicht, steige ich eben wieder aus. Eine nicht sonderlich verlässliche Strategie, aber im Moment die beste, die ich habe. Ich habe Glück – es geht Richtung Innenstadt. Vorher allerdings: ein Umstieg.
Ich lande mitten in einem Industriegebiet. Die Haltestelle für den nächsten Bus muss irgendwo auf der anderen Seite sein. Ich laufe los, unter den skeptischen Blicken der wenigen Menschen, die sich hier überhaupt zu Fuß bewegen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Hierher verirrt sich selten ein Touri – und ich weiß auch nicht genau, warum ich gerade hier bin.
Der Platzregen setzt ein. Mein Handybildschirm ist zu nass, um ihn noch sinnvoll bedienen zu können. Ich laufe weiter.
Nach 400 Metern stehe ich vor der Auffahrt einer Autobahn.
Okay. Das ist sicher nicht der Fußweg in die Innenstadt.
Ich probiere eine andere Richtung. Die Straßen sind leer, der Regen prasselt auf meine Jacke. Zum Glück hat mich Marika bei meiner panischen Kleider-Konsolidation am Abend vor meiner Abreise beide Regenjacken mitnehmen lassen, denn ansonsten hätte ich jetzt keine. Die andere ist in meinem großen Rucksack, den sie am Flughafen einbehalten haben. Ich versuche eine weitere Abzweigung, lande wieder in einer Sackgasse. Noch zwei Versuche später stelle ich fest, dass ich hätte bleiben sollen, wo ich war.
Also zurück zur Haltestelle. Ich steige in den nächsten Bus, ohne zu wissen, ob er mich dorthin bringt, wo ich hin will. Langsam schiebt er sich durch das Chaos von Istanbul – durch Straßen, die nicht für Eile gemacht sind.
Irgendwann scheint mir die Richtung ungefähr zu passen. Ich steige aus, bevor der Bus in eine andere Richtung abbiegt. Die Luft ist schwer von Regen und Gewürzen. Ich laufe durch eine breite Straße, in deren Mitte eine Straßenbahn schleicht. Auf beiden Seiten Verkaufsstände, dampfender Tee, schwere Baklava-Shops mit glänzenden Auslagen. Alles wirkt überladen, opulent, fast theatralisch.
Ich atme ein. Ein Tag, der mit Wurst- und Käseplatten hätte anfangen können, hat mich stattdessen hierher gebracht. Vielleicht ist das ja schon mal was.
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