
Zurück zu den Ursprüngen: Ein Plädoyer für mehr Entschleunigung
ESSAYS UND GEDANKENREISETAGEBUCH
9/20/20244 min read
Reisen und Schreiben – oder zumindest ein Versuch davon
Ich bin wieder unterwegs. Frankfurt, Flughafen, dieser seltsam kalte Nicht-Ort zwischen Hier und Dort, in dem die Zeit ein eigenes Tempo hat. Ich sitze zwischen fremden Stimmen und grellen Displays, mein Flug wird alle paar Stunden weiter nach hinten verschoben, das Gate wurde mittlerweile drei Mal gewechselt, und es zeichnet sich ab, dass ich eine Nacht in Istanbul geschenkt bekomme.
Ich könnte mich darüber aufregen. Aber wenn ich ehrlich bin, dann ist genau das der Grund, warum ich Reisen liebe. Weil es nie wirklich nach Plan läuft. Weil es dich daran erinnert, dass Kontrolle eine Illusion ist, die wir uns viel zu oft vormachen. Und vielleicht auch, weil es einen für einen Moment aus dem getakteten System herausreißt.
Ich habe in den letzten Tagen oft darüber nachgedacht, wie ich dieses Mal meine Reise dokumentieren will. Schreiben gehört für mich immer dazu, aber ich merke, dass sich mein Wunsch an das Format verändert hat. Mein letzter Blog ist mittlerweile drei Jahre her und ist irgendwo zwischen Klinik, Physikumsvorbereitung und „ich hätte eigentlich Besseres zu tun“ verloren gegangen. Seitdem schreibe ich meine Reisetagebücher auf WhatsApp – schnelle Gedanken, Fotos, eine Art digitales Notizbuch, das mittlerweile mehr Menschen mitlesen, als ich anfangs erwartet hatte.
Drei Backpackingreisen, sechs Länder, unzählige Kilometer. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätte dieses Format sich ein wenig abgenutzt. Als hätte es zu viel Fülle bekommen und dabei ein Stück seiner Tiefe verloren. Deshalb möchte ich es dieses Mal anders versuchen. Weniger Quantität, mehr Fokus. Weniger „jeden Tag ein Update“, und mehr Dinge schreiben, die ich selbst auch in einem Jahr noch lesen will.
Entschleunigung – oder zumindest der Versuch davon
Im Trubel der letzten Monate habe ich irgendwann gemerkt, dass ich zwar produktiv sein kann, ohne mich komplett auszubrennen. Aber was mir immer noch schwerfällt, ist Langsamkeit. Dinge nicht nur effizient zu tun, sondern bewusst. Nicht immer schon den nächsten Schritt im Kopf zu haben.
Ich bin ein Kind von zwei Eltern mit ausgeprägten ADHS-Tendenzen. Geschwindigkeit liegt mir deshalb genetisch näher als Ruhe. Schneller denken, schneller reden, schneller arbeiten. Immer ein neues Projekt, immer ein neuer Plan. Es gab eine Zeit, in der ich vier Jobs gleichzeitig hatte und nicht verstanden habe, warum das problematisch sein sollte – weil es sich ja nicht nach Überlastung angefühlt hat.
Und genau da liegt das Problem. Wir glauben, dass nur das, was uns offensichtlich erschöpft, auch wirklich toxisch ist. Doch was, wenn das Tempo selbst das eigentliche Problem ist? Der ständige Drang, noch mehr rauszuholen, sich noch besser zu optimieren, sich noch effizienter durchzumanövrieren.
Ironischerweise dachte ich lange, ich wäre immun gegen toxische Produktivität. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es Tage gab, an denen ich nicht mal mehr wusste, warum ich überhaupt so viel tue.
Natürlich könnte ich so weitermachen, denn dieses System funktioniert. Doch macht es mich wirklich frei?
Ich möchte Dinge nun anders machen, damit sie nachhaltig besser werden. Ich möchte sie langsamer machen. Nicht aus Faulheit, nicht aus Erschöpfung, sondern aus Prinzip. Weil Dinge nicht wertvoller werden, nur weil man sie möglichst schnell erledigt. Weil Schreiben nicht besser wird, wenn man sich vornimmt, jeden Tag eine bestimmte Anzahl an Worten zu tippen. Und weil Reisen nicht intensiver wird, wenn man jede Erfahrung dokumentiert, anstatt sie einfach zu erleben.
Zwischen CO₂-Bilanzen und Sicherheitsbedenken
Als es um die Wahl des Reiseziels ging, war eine Sache schnell klar: Ich will noch einmal alleine los. Noch einmal eine Reise, die nicht von anderen Menschen, festen Plänen oder Gruppenentscheidungen bestimmt wird.
Doch dann kam die andere Frage: Wohin? Was würde sich denn momentan überhaupt richtig anfühlen?
Ich liebe Südamerika, aber viele Orte habe ich mittlerweile alle schon abgeklappert.
Zentralamerika? Ein politisches Pulverfass.
Mexiko? Weltweit unter den Top 10 der gefährlichsten Länder für allein reisende Frauen.
Dann Jordanien? Aber der Krieg in den Nachbarländern macht es mit jedem Tag schwieriger. Und während ich das alles durchgehe, kommt ein anderer Gedanke:
Wie viele Wochen müsste ich eigentlich reisen, um einen Interkontinentalflug mit meinem Gewissen zu rechtfertigen?
Es ist eine seltsame Kollision aus Pragmatismus und Idealismus. Ich will reisen, aber ich will auch nicht mit verbundenen Augen in einen Flieger steigen und mir vormachen, dass es keine Konsequenzen hat. Ich will irgendwo hin, wo ich mich sicher fühlen kann, aber ich will auch nicht in einer Touristenblase enden, in der sich alles gleich anfühlt.
Warum also nicht den Gedanken weiterspinnen? Nicht nur in der Art zu reisen, sondern auch beim Ziel selbst zurück zu den Wurzeln gehen? Ich selbst bin ein Reisemitbringsel der Indonesienreise meiner Eltern. Als Kind war ich später nocheinmal dort, doch mit vier Jahren nimmt man von einem Land nicht viel mit außer ein paar vage Bilder, die irgendwann eher zu Geschichten der eigenen Erinnerung werden. Vielleicht ist es also an der Zeit, dorthin zurückzukehren – nicht als blasse Erinnerung, sondern als bewusste Entscheidung.
Und mit jedem Gedanken daran fühlt es sich richtiger an.
Also Visum beantragen. Sollte eigentlich kein Problem sein. Bis es plötzlich von der Website verschwindet. Bis ich für einen Moment denke: Ich fliege in zwei Tagen los, und ich weiß nicht mal, ob ich offiziell ins Land darf.
Wie klug wäre es, einfach trotzdem zum Flughafen zu fahren, in der vagen Hoffnung, dass das Visum irgendwo zwischen Himmel und Erde wieder auftaucht? Oder dass die Einwanderungsbehörde ausgerechnet an diesem Tag beschließt, ein Auge zuzudrücken? Ich meine, ich bin mit meinem „leicht verpeilte, aber charmante junge Frau, die das System noch nicht ganz verstanden hat“-Image schon erstaunlich weit gekommen – aber das hier wäre eine neue Liga. Das wäre nicht mehr Improvisation, das wäre Hochrisiko-Poker. Und was wäre die Alternative? Einfach aufgeben und nicht fliegen? Schwer vorstellbar. Auch wenn das Worst-Case-Szenario zwei sehr lange Wochen in irgendeiner Transitzone bedeuten könnte.
Nach einer kurzen Panikpause also der naheliegende Versuch: Nochmal am eigenen Laptop checken, vielleicht lag es ja nur an einer schlechten Verbindung. Und siehe da – genau dort, wo es hingehörte, war das Visum wieder ganz regulär abrufbar. Als wäre es nie weg gewesen
Ein klassischer Reisebeginn. Ein bisschen Chaos, ein bisschen Unsicherheit, ein bisschen „wird schon irgendwie klappen“.
Was bleibt?
Ich werde immer noch auf WhatsApp schreiben. Ich werde immer noch Fotos teilen. Aber vielleicht wird es dieses Mal anders. Weniger tägliche Updates, mehr tiefergehende Gedanken. Weniger Druck, mehr das, was sich richtig anfühlt.
Ich sitze hier, mein Flug ist immer noch verspätet, und ich habe keine Ahnung, wann ich wirklich ankommen werde. Aber ich weiß, dass es keine Rolle spielt.
Denn genau deshalb liebe ich das Reisen.
Weil es dich daran erinnert, dass es nicht darum geht, wie schnell du irgendwo ankommst – sondern wie viel du auf dem Weg wirklich mitbekommst.
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