
Zu uns selbst stehen: wenn Klarheit wehtut, aber Schweigen noch mehr
Eine kleine gedankliche Auseinandersetzung über die Schwierigkeit, ehrlich Grenzen zu setzen – besonders dann, wenn es bedeutet, jemanden zu verletzen. Über die feine Linie zwischen Rücksicht und Selbstverrat, über Schuldgefühle, übergroße Verantwortlichkeit und den Mut, sich selbst nicht zu verlieren – auch wenn es Konsequenzen hat.
ESSAYS UND GEDANKEN
3/27/20252 min read
Es gibt Gespräche, vor denen wir tagelang zögern. Nicht, weil wir nicht wissen, was wir sagen wollen – sondern weil wir genau wissen, wie es ankommen wird. Weil wir wissen, dass das, was wir sagen, jemand anderem wehtun wird. Und dass wir es trotzdem sagen müssen.
Nicht, weil wir jemandem weh tun wollen. Sondern weil wir aufhören wollen, uns selbst weh zu tun.
Weil wir aufhören wollen, uns zu verbiegen, zu verschweigen, zu verraten.
Weil wir merken, dass da ein Bedürfnis in uns ist, das nicht mehr weggeschoben werden kann, ohne dass es etwas mit uns macht. Ohne dass wir uns langsam verlieren.
Und trotzdem fühlt es sich falsch an, das auszusprechen.
Trotzdem ist da dieser Kloß im Hals, dieser Widerstand in der Brust.
Denn wir wissen, dass wir gerade jemandem wehtun. Mit voller Absicht. Und mit offenen Augen.
Nicht, weil wir grausam sind. Sondern weil wir klar sein wollen.
Weil wir nicht länger etwas vorspielen wollen, das wir nicht mehr halten können.
Wir sprechen oft davon, wie wichtig es ist, ehrlich zu sein. Unsere Bedürfnisse zu kommunizieren. Uns selbst nicht zu verlieren. Aber was wir dabei selten erwähnen, ist, wie schwer das in der Praxis wirklich ist. Wie viel Mut es kostet, eine Situation zu konfrontieren, die sich für den anderen noch vollkommen okay anfühlt – während sie für uns längst zur Belastung geworden ist.
Denn was passiert, wenn wir ansprechen, dass etwas nicht mehr geht?
Wir riskieren, jemanden zu enttäuschen.
Wir rufen Unverständnis hervor.
Wir lösen vielleicht etwas aus, das wir gar nicht auslösen wollten – aber trotzdem verantworten müssen.
Und oft ist es nicht nur der Gedanke an den Schmerz des anderen, der uns zögern lässt – sondern auch ein ganz bestimmtes Bild von uns selbst.
Das Bild, immer sanft, immer nachsichtig und verzeihend, immer empathisch zu sein.
Das Bild, niemandem wehzutun, niemanden fallen zu lassen.
Wir fühlen uns schuldig dafür, die Gefühle anderer verletzt zu haben. Wir fühlen uns verantwortlich für ihr Schmerzempfinden, ihre Enttäuschung, ihre Unsicherheit – selbst dann, wenn wir nichts getan haben außer ehrlich zu sein.
Aber Schuld ist nicht dasselbe wie Verantwortung.
Schuld entsteht durch Verletzung. Verantwortung durch Beziehung.
Und oft verwechseln wir beides, weil uns nie jemand beigebracht hat, wo die Grenze verläuft.
Manchmal ist es also gar nicht Schuld, was wir dabei fühlen, sondern ein Verantwortungsbewusstsein, das bei manchen von uns zu groß geworden ist, um noch gesund zu sein. Eines, das sich nicht mehr an unserem tatsächlichen Einfluss orientiert, sondern an einer tief verinnerlichten Vorstellung davon, wie wir zu sein haben. Rücksichtsvoll. Tragfähig. Stabil.
Wir glauben, wir müssten alles tragen, was wir auslösen – auch dann, wenn wir niemanden absichtlich verletzt haben. Wir glauben, es sei falsch, jemanden zu enttäuschen, selbst wenn wir damit zu uns selbst stehen. Und vielleicht ist das ein zutiefst weiblich sozialisiertes Muster: Dieses Reflexhafte, für alles gerade stehen zu wollen, was im Umfeld aus dem Gleichgewicht gerät.
Denn nicht alles, was wir auslösen, gehört uns.
Nicht alles, was jemand fühlt, ist unsere Schuld.
Und nicht jede Klarheit ist ein Verrat.
Verantwortung, die sich unausgesprochen verschoben hat, darf auch wieder neu verhandelt werden.
Nicht, weil wir weniger lieben.
Sondern weil wir begriffen haben, dass eine zwischenmenschliche Beziehung kein Ort ist, an dem man sich selbst aufgibt – sondern einer, in dem es Raum braucht. Für beide.
Und vielleicht ist genau das der erwachsenste Schritt:
Nicht alles zu schlucken.
Nicht im Stillen zu tragen.
Sondern die eigene Erschöpfung ernst zu nehmen. Und sie auszusprechen. Auch dann, wenn es Konsequenzen hat.
Foto: Felix Andersen
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