Zu besonders, um echt zu sein – das Märchen vom Manic Pixie Dreamgirl
Romantisiert, exzentrisch, funktionalisiert – das Manic Pixie Dreamgirl steht für eine weibliche Filmfigur, die nicht lebt, um sie selbst zu sein, sondern um einen Mann zu helfen, sich zu finden. In diesem Essay möchte ich einen Blick auf dieses Narrativ patriarchaler Erzählstruktur werfen und sichtbar machen, wie neurodivergente Frauen dabei systematisch unsichtbar gemacht werden.
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3/22/20254 min read
Sie ist chaotisch, unkonventionell, voller seltsamer Gedanken und exzentrischer Impulse. Sie tanzt barfuß durch leere Straßen, liebt alte Jazzplatten, vergisst ständig, wo sie ihren Schlüssel hingelegt hat, und bringt mit genau dieser Mischung aus Zerstreutheit und „quirky“ Charme das Leben eines desillusionierten Mannes wieder ins Gleichgewicht. Sie ist ein Trostpflaster auf männliche Selbstzweifel. Eine Projektionsfläche für alles, was nicht funktioniert. Und ein filmisches Symptom eines tief sitzenden Problems: das Manic Pixie Dreamgirl.
Man kennt sie aus Margos Spuren, wo Cara Delevingnes Charakter Margo nichts anderes tut, als dem schüchternen Quentin ein bisschen Abenteuer einzubläuen, bevor sie aus der Handlung verschwindet. Oder aus Die fabelhafte Welt der Amélie, in der Amélie ihren Nachbarn und Kollegen dabei hilft, das Leben wieder zu fühlen – während ihre eigene Entwicklung zur süßen Fußnote verkommt. Oder aus Elizabethtown, dem Film, der diesen Begriff überhaupt erst geprägt hat, weil Kirsten Dunsts Figur Claire genau eine einzige Funktion hat: einen deprimierten Mann zu retten.
500 Days of Summer, Garden State, Almost Famous – die Liste ist lang.
All diese Figuren haben eines gemeinsam: Sie existieren nicht um ihrer selbst willen. Sie existieren, damit ein Mann durch sie wachsen kann.
Sie sind charmant-verwirrt, emotional durchlässig, leicht weltfremd – und sie sind nie ein vollständiger Mensch. Ihre Träume, ihre Ängste, ihre Wut oder ihr Scheitern werden nicht erzählt, weil sie nicht vorgesehen sind. Diese Frauen dürfen nicht echt sein, sie müssen besonders sein. Besonders genug, um aufzufallen, aber nicht so besonders, dass sie selbst Raum einnehmen. Ihre „Verrücktheit“ soll inspirierend sein, nicht anstrengend. Ihre Impulsivität süß, nicht unberechenbar. Ihre Emotionalität heilsam – aber nur für ihn.
Das MPDG ist damit kein echter Mensch. Es ist eine Figur, die in Drehbüchern lebt. Sie ist dazu da, einem männlichen Protagonisten dabei zu helfen, seine verdrängten Emotionen zu verstehen, sein Leben zu ordnen, seine Kindheitstraumata aufzulösen – kurz: sich selbst zu retten. Nur eben nicht selbst. Sondern durch sie.
Sie selbst jedoch hat keine eigene innere Entwicklung. Keine Ambitionen, die über die Rettung anderer hinausgehen. Keine erzählte Geschichte, die nicht direkt an die des Mannes gekoppelt ist. Ihr Dasein ist Funktion. Ihre Lebensfreude: therapeutisch. Ihre Andersartigkeit: exotisch. Und wenn sie geht, ist sie genau dann verschwunden, wenn der Mann endlich genug über sich gelernt hat, um sein Leben allein in die Hand zu nehmen.
Was an der Oberfläche wie ein romantisches Ideal aussieht – eine Frau, die auf magische Weise Zugang zu Emotionen öffnet, die sonst verschlossen blieben – ist in Wahrheit eine tief internalisierte Form von Misogynie. Denn es ist nicht das Ziel dieser Figur, selbst verstanden zu werden. Es ist auch nicht ihre Aufgabe, emotional zu reifen. Ihre einzige Relevanz liegt darin, dass sie jemand anderem hilft, genau das zu tun.
Viele Merkmale, die dieser Figur zugeschrieben werden – Impulsivität, Reizoffenheit, sozialer Rückzug bei gleichzeitiger emotionaler Intensität, ein feines Gespür für Stimmungen, aber Schwierigkeiten mit Alltag und Routinen – lassen sich auffallend oft auf neurodivergente Verhaltensweisen zurückführen.
Das, was in Filmen als "erfrischende Quirkiness" verkauft wird, sind in Wahrheit AD(H)S, Autismus und Hochsensibilität – aber ohne Kontext, ohne Realität, ohne Diagnose.
Stattdessen bekommen wir eine ästhetisierte Version davon präsentiert: Das MPDG als museartige Figur, deren Exzentrik kein Ausdruck von Überforderung oder neurokognitiver Divergenz ist, sondern ein Mittel zur emotionalen Schulung des männlichen Protagonisten.
Und genau das ist das Problem.
Denn diese Figuren verzerren, was sie vorgeben darzustellen. Sie machen aus neurodivergenten Zügen ein Accessoire. Eine charmante Macke. Ein ästhetisiertes Anderssein, das romantisiert wird – solange es männlichen Helden hilft, sich selbst zu finden. Solange es nicht unbequem ist.
Was aber, wenn dieses „Anderssein“ keine Inszenierung ist, sondern eine Realität? Was, wenn die Impulsivität nicht süß-chaotisch ist, sondern mit massiver Reizüberflutung, Angst und Erschöpfung einhergeht? Was, wenn die sprunghaften Gedanken, das Tagträumen, die emotionale Intensität nicht dramaturgische Elemente sind, sondern Teile eines Alltags, der Kraft kostet – weil die Welt zu laut ist, zu schnell, zu wenig verständnisvoll?
Das Problem ist nicht, dass diese Figuren existieren. Das Problem ist, dass sie immer gleich funktionieren. Dass ihre Symptome verklärt und verkitscht werden, während echte neurodivergente Frauen immer noch gegen Stigmatisierung, Fehldiagnosen und das völlige Verkanntwerden ankämpfen müssen. Dass sie keine Manic Pixies sind, sondern reale Menschen, die in einer Welt leben, die sie regelmäßig überfordert.
Eine Welt, die nicht aus charmantem Chaos besteht, sondern aus sensorischer Überreizung, executive dysfunction und dem Versuch, in einem System zu funktionieren, das sie nicht für sie gemacht hat.
Das Manic Pixie Dreamgirl entpolitisiert und entrealisiert das, was viele neurodivergente Frauen durchleben. Es verwandelt die strukturelle Unsichtbarkeit in ein popkulturelles Ideal. Und schlimmer noch: Es legt die Messlatte dafür, wie „akzeptabel anders“ eine Frau sein darf – vorausgesetzt, sie bringt einen Mann weiter.
Das ist nicht romantisch. Das ist funktionalisiert.
Denn echte neurodivergente Frauen sind keine Feenwesen, die mit einem Schallplattenspieler in der Hand durchs Leben tanzen. Sie sind Menschen mit Herausforderungen, Widersprüchen, Unsicherheiten. Und sie verdienen mehr als Geschichten, in denen sie nur existieren dürfen, solange sie jemand anderem etwas geben.
Vielleicht ist es an der Zeit, diese Geschichten umzuschreiben. Vielleicht ist es an der Zeit, Frauen in ihrer ganzen Komplexität zu zeigen – mit ihren Eigenheiten, ja. Aber auch mit ihren Grenzen. Mit ihrer Perspektive. Mit einer eigenen Handlung.
Und vielleicht ist es an der Zeit, neurodivergente Frauen nicht mehr als Zauberwesen zu erzählen, sondern einfach als das, was sie sind:
Menschen, die nicht weniger real sind, nur weil sie sich nicht nach Drehbuch verhalten.
Titelbild: Jürgen Hinterleithner, floral series
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