Wenn Netze nicht tragen
Warum Suizide nicht immer durch ein fehlendes Umfeld verursacht werden – und was das für unser Weltbild bedeutet.
ESSAYS UND GEDANKEN
3/30/20252 min read
Wir sprechen oft davon, wie wichtig es ist, dass Menschen ein soziales Netz haben. Freundschaften. Familie. Ein Umfeld, das auffängt. Das bemerkt, wenn jemand in der Dunkelheit verschwindet. Das da ist, wenn alles zu viel wird.
Es ist ein schöner Gedanke. Ein tröstlicher auch. Weil er uns glauben lässt, dass Nähe schützt. Dass man nicht fällt, wenn man Menschen um sich hat. Dass die bloße Anwesenheit anderer – oder zumindest das Wissen darum – ausreicht, um einen Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren.
Aber was passiert, wenn das nicht stimmt?
Was passiert, wenn sich jemand das Leben nimmt, der nicht isoliert war? Nicht einsam. Nicht ohne Freunde, nicht ohne Kontakt, nicht ohne Zugang zu Hilfe. Sondern jemand, der Teil von allem war – und sich trotzdem entschieden hat zu gehen?
Vor einigen Wochen ist ein Mensch aus unserem Umfeld gegangen. Nicht still und leise, nicht plötzlich verschwunden – sondern durch einen selbstgewählten, gewaltsamen Tod. Ein Mann, von dem niemand dachte, dass er wirklich gehen würde. Weil er da war. Weil er vernetzt war. Weil er mitten im Leben stand. Weil er nicht der Typ war, dem man das zugetraut hätte – und vielleicht liegt genau darin das Problem.
Denn was, wenn genau diese Zuschreibungen gefährlich sind?
Was, wenn das Bild, das wir uns von Schutz, Nähe, Gemeinschaft machen, zu einfach ist?
Was, wenn es nicht das Netz ist, das rettet – sondern die Entscheidung, sich darin halten lassen zu wollen?
Und was, wenn genau diese Entscheidung für manche irgendwann keine Option mehr ist?
Der Suizid dieses Menschens hat viele erschüttert. Nicht nur, weil er gegangen ist – sondern weil er damit ein Weltbild erschüttert hat, das wir alle mit uns tragen: Dass wir Menschen halten können, wenn wir sie nur genug lieben. Wenn wir präsent sind. Wenn wir uns kümmern. Wenn wir nicht wegschauen.
Doch was, wenn das alles nicht reicht?
Was, wenn es einen Schmerz gibt, der so groß ist, dass er sich nicht durch Nähe heilen lässt? Eine Schwere, die nicht aus Mangel an Verbindung entsteht – sondern aus etwas anderem. Etwas, das nicht mal das beste Umfeld abfedern kann. Nicht weil es nicht will. Sondern weil es nicht kann.
Der Gedanke ist grausam. Weil er uns ohnmächtig macht.
Weil er sagt: Du konntest vielleicht nichts tun.
Weil er sagt: Es liegt nicht an dir. Und gerade deshalb tut es so weh.
Denn wenn ein Mensch wie dieser fällt, dann hinterlässt er nicht nur Trauer.
Sondern eine Erschütterung in unserem Grundvertrauen.
In das Leben. In unsere Verantwortung.
In die Vorstellung, dass Nähe rettet – solange man nur nah genug ist.
Und vielleicht müssen wir genau deshalb vorsichtiger werden mit diesem Narrativ: „Hätten wir es verhindern können, wenn wir…?“
Vielleicht liegt unsere Aufgabe nicht darin, zu retten – sondern da zu sein.
Nicht, um den freien Fall zu verhindern. Sondern um ihn nicht zu beschämen.
Nicht, um Schuld zu verteilen. Sondern um Schmerz anzuerkennen, der größer war als alles, was wir hätten geben können.
Es ist ein schmerzhafter Gedanke, dass wir nicht alles kontrollieren können.
Dass es Geschichten gibt, die nicht zu verhindern waren.
Aber vielleicht ist es genau diese Wahrheit, die uns Demut lehrt.
Und vielleicht ist es diese Demut, die wir brauchen, wenn wir versuchen, mit so einem Verlust weiterzuleben. Ohne einfache Antworten. Aber mit der Ehrlichkeit, dass auch Verbundenheit manchmal nicht genug ist.
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