Während die Welt weiterzieht
Was passiert, wenn man aus freien Stücken seinen Flug verpasst? Ich erzähle über spontane Entscheidungen, stille Zweifel und das, was das Alleinreisen so herausfordernd – und gleichzeitig so heilsam macht: sich selbst auszuhalten, wenn nichts mehr ablenkt.
REISETAGEBUCH
9/25/20244 min read
„Please come with us.“
Zwei Airline-Mitarbeiter, dunkle Anzüge, ernste Mienen. Ich folge ihnen durch die endlosen Hallen von Terminal D und komme mir vor wie in einem Film. Eine Frau, die eskortiert wird, ohne genau zu wissen, was sie erwartet. Eine Szene irgendwo zwischen Thriller und kafkaesker Bürokratie.
Während wir gehen, frage ich mich, ob es die richtige Entscheidung war. Ob der Flieger schon in der Luft ist. Ob das alles in einer anderen Realität einfach an mir vorbeigerauscht wäre, wenn ich mich entschieden hätte, einzusteigen.
Altruistisch betrachtet gibt es nichts zu überlegen. Natürlich war es richtig, den Ingenieur fliegen zu lassen. Und doch fühlt es sich merkwürdig an. Was, wenn ich wegen der verspäteten Einreise Probleme mit meinem Visum bekomme? Was, wenn ich in ein paar Wochen irgendwo strande und mir genau dieser eine Tag in Indonesien fehlen wird? Was, wenn in diesem Flieger jemand sitzt, mit dem ich jetzt eine lebenslange Freundschaft geschlossen hätte – und der nun schon einen Tag Vorsprung hat?
Anstatt selbst zu fliegen, versuche ich nun, den Gedanken an all diese Fragen fliegen zu lassen. Denn mir Sorgen zu machen, bringt mich nicht weiter – weder geographisch, noch emotional. Auch eine Betrachtung der Zufälligkeit von vielleicht prägenden Entscheidungen bringt nichts.
Ich kann nur abwarten und mich der Situation fügen.
Ich sitze da, irgendwo zwischen Gedanken und Realität, zwischen dem Echo meiner Entscheidung und der Stille dieses Moments, und merke, wie ich mich in einem Gefühl verliere, das ich eigentlich gut kenne – nur eben nicht so. Nicht mit diesem Beigeschmack. Nicht ungefragt.
Einsamkeit ist mir nicht fremd. Doch normalerweise entscheide ich mich aktiv dafür. Ziehe sie mir über wie eine Jacke, die mich schützt, statt mich auszuliefern. Jetzt aber fühlt sie sich anders an.
Denn obwohl ich niemanden an Bord kenne, hat dieses Gefühl, das gerade durch meinen Kopf schleicht, einen merkwürdigen Beigeschmack des „Alleine zurückgelassen worden seins“. Der Flieger ist fort, und mit ihm eine Version meiner Reise, die ich nicht mehr leben werde. Eine, in der ich nicht hier sitze, sondern längst dort bin, wo ich eigentlich sein wollte.
Ich fühle mich entsetzlich allein – auch wenn ich eigentlich absichtlich und bewusst alleine losgezogen bin.
Normalerweise macht mir das Alleinsein nichts aus. Im Gegenteil – ich genieße es. Ich mag den Menschen, der ich dadurch geworden bin.
Allein zu reisen bedeutet, dass ich meine Entscheidungen alleine treffe. Dass ich keine Kompromisse eingehen muss. Dass ich dorthin gehen kann, wo ich es spannend finde, und so lange bleiben kann, wie ich möchte. Dass ich mich an neue Umgebungen anpassen muss, mich meiner eigenen Angst stelle, weil niemand da ist, der es für mich tut. Es bedeutet, dass jedes Problem auf meiner Reise mein eigenes ist. Und dass mich jede Lösung selbst wachsen lässt.
Und es bedeutet, dass ich mich nicht ablenken kann. Dass ich mich aushalten muss. Dass ich meine eigenen Gedanken nicht übertönen kann.
Daniel meinte einmal, er könne sich nicht vorstellen, dass mich äußere Umstände aus der Ruhe bringen. Dass schlechtes Wetter mich ärgern würde oder eine Planänderung mich stresst. Und ja, heute ist das oft so. Aber es war nicht immer so.
Ich musste neulich daran denken, denn zumindest in meiner Kindheit war das… anders.
Ich erinnere mich unsere damaligen Reisen, an hitzige Diskussionen mit meiner Mutter, an Lektionen darüber, dass es nichts bringt, sich über Dinge aufzuregen, die man nicht ändern kann. Dass Jammern das Essen nicht schneller kommen lässt. Dass sich Strecken nicht verkürzen, nur weil man sie nicht gehen will.
Eine Lektion, die mir bis heute bleibt. Eine Lektion, die ich auch jetzt, in diesem Moment, anwenden sollte.
Für ein Kind bedeutet eine Reise in ein Entwicklungsland das radikalste Herausreißen aus der vertrauten Welt. Eine Umgebung, die eigene Regeln hat, in der das Essen anders schmeckt, die Geräusche fremd klingen und der Tagesrhythmus ungewohnt ist. Selbst die Stimmen der Eltern verändern sich, weil sie in einer Sprache sprechen, die plötzlich unverständlich bleibt. Und dann ist da dieses diffuse Gefühl der Unstimmigkeit – als hätte sich die vertraute Welt verschoben, ohne dass klar ist, wie sich ein Platz in dieser neuen finden lässt.
Vielleicht erinnere ich mich deshalb so lebhaft an die Launen, die ich als Kind auf diesen Reisen hatte. Weil diese Momente stärker in meinem Gedächtnis geblieben sind, als mein Alltag. Weil sie Momente waren, in denen ich spürte, wie die Welt mich überforderte. Und meine Mutter, die diesen Zustand nicht ignorieren, sondern ihn lenken wollte. Die mir beibringen wollte, dass äußere Umstände nicht verhandelbar sind – nur meine Reaktion darauf.
Denn ja, Jammern macht den Weg nicht kürzer. Und ja, der Regen hört auch nicht auf, nur weil wir ihn verfluchen. Denn die eigene miese Stimmung verändert das Wetter nicht – aber sie verändert, wie sehr wir die Nässe spüren.
Ich habe irgendwo noch einen Tagebucheintrag darüber, wie ich in Thailand permanent wütend war. Auf die fremden Menschen, die es nicht lassen konnten, mich anzufassen und abzuknutschen, weil sie dachten, ich sei irgendeine knuffige Attraktion.
Wütend, weil „NICHT ANFASSEN!“ in dieser Sprache scheinbar nicht funktionierte.
Wütend, weil ich sie immer wieder anschreien und meine Grenzen verteidigen musste – und trotzdem nicht verstanden wurde.
Das bekannteste Foto dieser Reise zeigt mich an einem Strand, drei Jahre alt, mit einem dicken Lippenstiftfleck auf der Stirn und einer Miene, als hätte ich gerade das Vertrauen in die gesamte Menschheit verloren.
Heute kann ich darüber lachen. Aber damals war es für mich der Beweis, dass die Welt einfach macht, was sie will, und ich selbst dabei nicht viel zu melden habe.
Das Reisen hat mir viel beigebracht, aber vor allem eines: Es gibt Dinge, die kannst du nicht ändern. Und es bringt nichts, sich dagegen aufzulehnen, denn Akzeptanz ist keine sinnlose Resignation – es ist ein Navigationswerkzeug.
Mit jeder Reise ist meine Toleranz für Unplanbarkeit gewachsen. Dinge, die mir vor zwei Jahren noch Panik gemacht hätten, sind jetzt einfach… Dinge.
Kreditkarte gesperrt? PayPal.
Bus verpasst? Gibt bestimmt noch mehr Busse.
Es regnet? Nass wirst du nur einmal.
Aber dann gibt es diese zwei Dinge, gegen die wir uns als Erwachsene am meisten wehren: Einsamkeit und Langeweile.
Gefühle, die wir so sehr verlernt haben, auszuhalten, dass wir sie sofort überdecken.
Als Kinder waren sie der Antrieb für Kreativität. Wir haben gezeichnet, Geschichten erfunden, aus zwei Stöcken und einer Decke eine ganze Welt gebaut. Heute greifen wir zum Handy. Tippen. Scrollen. Füllen jede Lücke mit Lärm, damit wir sie nicht spüren müssen.
Doch beim Alleinreisen gibt es keine Ablenkung. Es wird Momente geben, in denen du Hunger hast, aber kein Essen in Sicht ist. In denen du irgendwo sitzt, weil dein Bus nicht kommt. Oder in denen du eine Entscheidung triffst, die dich in einem Flughafen zurücklässt, während dein eigentlicher Flieger in den Himmel steigt.
Und dann sitzt du da, mit deinen Gedanken, und stellst dich den Konsequenzen.
Auch wenn letzteres wahrscheinlich seltener passiert, ist es eine verdammt gute Übung.
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