Von Veränderungen, die manchmal nötig sind

Wie fühlst du dich, wenn dir jemand mitteilt, dass sich etwas in deinem Leben verändern muss? Hast du Angst, vor dem, was kommen wird? Oder bist du neugierig? Ändern sich dadurch überhaupt Dinge in deinem Leben? Oder befindest auch du dich in einer Tretmühle der immer gleichen Dinge? Eine kleine Gedankenreise durch den Weg und die Daseinsberechtigung von Veränderungen an Weihnachten - verfasst von mir, mit 18 Jahren.

ESSAYS UND GEDANKEN

12/12/20165 min read

Vorwort: Diesen Text habe ich mit 18 Jahren verfasst. Heute jedoch würde ich vieles davon anders schreiben. Weil sich Menschen verändern. Familien. Lebensphasen. Und weil manchmal gerade darin etwas Neues entstehen kann.


Eva, 12. Dezember 2016:
„Sollen wir dieses Jahr an Weihnachten nicht mal irgendetwas anders machen, als wir es sonst machen? Einfach mal wegfahren?“

Diese Frage stellt mir meine Mutter jedes Jahr. Seit ich älter bin, versucht sie, die Weihnachtsferien, wie alle anderen Ferien auch, zum Reisen zu nutzen. Doch für mich ist in der Weihnachtszeit hauptsächlich eine Sache wichtig: Es muss alles so sein, wie es schon immer war. Der Baum muss an genau an der Stelle stehen, wo er immer steht. Es müssen genau die gleichen Plätzchen gebacken werden, wie im Jahr zuvor. Und der singende und tanzende Trophäenfisch, den ich mal von meiner Halbschwester geschenkt bekommen habe, muss an der Haustür hängen und komplett schief und grässlich „Jingle Bells“ schmettern.

„Aber sollen wir dieses Jahr nicht wenigstens irgendetwas anderes kochen als sonst?“
Auch diese Frage stellt sie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr entsteht der gleiche erbitterte Kampf darum, was es zum Nachtisch gibt. Der Streit endet immer darin, dass ich mich durchsetze und wir jedes Jahr im Dezember den gleichen Abend feiern, der sich meist nur in den Geschenken von dem Abend im Vorjahr unterscheidet.

Erstaunlicherweise ist Weihnachten das Thema, bei dem viele Leute den Zwang verspüren, keine Veränderung zuzulassen. Wir möchten die alten Traditionen wahren und haben innerlich Angst, dass eine Veränderung des typischen Ablaufs den Abend irgendwie negativ beeinflussen kann. Deshalb klammern wir uns an die altbekannten Dinge, von denen wir wissen, dass sie den Abend nur verschönern werden.

Doch die tief in uns verwurzelte Angst, Dinge zu verändern, reicht weit über Weihnachtstraditionen hinaus. Es gibt viele Beispiele, in denen die Menschen von ihrer Angst vor dem Ungewissen einer Veränderung dazu gezwungen werden, in Stagnation zu leben.

Sie fahren jedes Jahr zum gleichen Urlaubsort, weil eine Veränderung ihres gewohnten Umfelds wie eine Reise in ein fernes Land, sie überfordern würde.
Kinder terrorisieren den neuen Partner eines Elternteils, weil sie Angst davor haben, sich an eine neue Person in ihrer Familie gewöhnen zu müssen.
Alte Menschen boykottieren den digitalen Wandel, weil sie nicht in dieses Zeitalter hineingeboren wurden und deshalb mehr Schwierigkeiten haben sich in dieser Welt zurechtzufinden. Auf die Frage, warum sich diesbezüglich nicht einfach ein bisschen öffnen und sich mehr auf die Nutzung digitaler Geräte einlassen, erwidern sie häufig, sie hätten Smartphones und Tablets doch früher schon nicht gebraucht, was sie dann jetzt damit machen sollten. Außerdem seien sie schon zu alt für sowas, sich jetzt so kurz vor Ende an ein Smartphone anzupassen, würde sich eh nicht mehr lohnen.

Die Angst vor einer Veränderung ihres normalen Alltags ist einfach zu groß. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

Aber wo wäre die Menschheit, wenn keiner jemals eine Veränderung zugelassen hätte?

Vermutlich nicht sehr weit. Stell dir vor, die Menschen in der Steinzeit hätten vor dem Busch, der wegen eines Blitzschlages Feuer fing, zu viel Angst gehabt, und das Feuer deswegen nicht in ihre Höhlen getragen.
Die Veränderung, die mit der Entdeckung des Feuers in das Leben der Menschen trat, ermöglichte es ihnen, Fleisch zu braten und dadurch in größeren Mengen zu verzehren. Es ermöglichte ihnen, Essen länger haltbar zu machen und sich vor wilden Tieren und Kälte zu schützen. Gebratenes Fleisch liefert eine höhere Energiedichte als pflanzliche Nahrung. Durch diesen Energieschub wurde ein evolutionäres Hirnwachstum möglich, durch welches wir uns von anderen Tierarten unterscheiden. Den heutigen Menschen gäbe es ohne die Entdeckung des Feuers also nicht.

Allgemein betrachtet ist die Evolution nichts anderes, als die allmähliche Veränderung der vererbbaren Merkmale einer Population von Lebewesen von Generation zu Generation, um sich an sich ändernde Verhältnisse anzupassen. Eine Veränderung ist also nötig, um zu überleben.

Mit dem Beginn des Jahres 2020 kam nicht nur ein neues Virus aus einem fernen Land, sondern, damit verbunden, auch eine Welle an Veränderungen. Veränderungen, die unser gewohntes Leben auf einmal komplett auf den Kopf gestellt haben.

Häufig treten Veränderungen auch unbemerkt in unser Leben. Am Ende der Tagesschau kommt eine Meldung: Deutschland hat einen neuen Verkehrsminister. Solange sie ihren Führerschein noch behalten können, ist dies den meisten Menschen egal. Oft wissen sie nicht, wie der alte Minister hieß und können keinen genauen Unterschied zwischen der Politik des alten und der des neuen Ministers feststellen.

Gerade in der Politik, in der die Menschen eigentlich die Chance hätten, mitzuentscheiden und mitzugestalten, neigen viele dazu, die Dinge einfach so hinzunehmen, wie sie sind. Eine große politische Veränderung wie eine Revolution geschieht meist nur, wenn der vorherige Zustand für die Menschen so unerträglich ist, dass es selbst die Politkverdrossenen nicht mehr aushalten.

Natürlich ist die Politik kein stagnierender Prozess, doch eine richtige Wende gab es in der Deutschen Politik seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Würden sich jedoch alle aktiv mit der aktuellen Politik auseinandersetzen, gäbe es ein deutlich repräsentativeres Bild, was die Bevölkerung will, welche Veränderung sie sich wünscht und was so bleiben soll, wie es vorher war. Der Bundestag wäre dadurch besser in der Lage, auf die Bedürfnisse des Volkes einzugehen.

Im extremen Gegensatz zur Wahl eines neuen Verkehrsministers, steht die Wahl eines neuen Papstes. Tagelang starren Milliarden Menschen auf den Schornstein der Sixtinischen Kapelle und warten auf den weißen Rauch, der die erfolgreiche Wahl eines neuen Papstes bekannt gibt. Interessanterweise hat jedoch der neue Papst deutlich weniger Einfluss auf das Leben jedes einzelnen Bürgers als der Verkehrsminister es hat. Trotzdem ist der Medienzirkus um ein Vielfaches größer.

Der Papst trifft keine Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen. Er besucht Menschen in armen Ländern und hält an christlichen Feiertagen eine Predigt. Vielleicht verändert er unser Leben gerade deshalb so wenig, weil die Weltreligionen eigentlich nichts Anderes sind, als Jahrhunderte langes Festhalten an alten Traditionen und Wertevorstellungen.

Die meisten dieser Wertevorstellungen sind völlig veraltet: Kaum jemand in Europa ist in der Hochzeitsnacht immer noch Jungfrau. Trotzdem wird die Religion nicht unserem jetzigen Zeitalter angepasst.

Verhütung ist in vielen afrikanischen Ländern immer noch verpönt, und das, obwohl die meisten Paare kaum genügend Essen für sich selbst auftreiben können. Wie sollen sie dann noch 5 Kinder durchfüttern?
Weigert sich die Frau jedoch aus Angst vor einer Schwangerschaft, ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihrem Mann zu haben, heißt es, sie käme ihren ehelichen Verpflichtungen nicht nach. Sie kann es also nie richtigmachen.

Eine Reformation der Kirche ist jedoch unwahrscheinlich, denn diese Veränderungen würden ein größeres Selbstbestimmungs- und Persönlichkeitsrecht für die Menschen bedeuten. Das würde wiederum zu einem Machtverlust der Kirche führen und vermutlich in ihrem Untergang enden. Aus dieser Sicht ist es logisch, warum die Kirche an Wertevorstellungen aus dem Mittelalter festhält.

Macht über andere Menschen zu haben ist der wesentliche Baustein der Kirche. Sie kann einem Menschen ein schlechtes Gewissen machen, wenn er sich anders verhält, als es ihr Wertekodex vorsieht, und sie kann einem Vorschriften machen: „Weihnachten gehört gefälligst gefeiert und zwar genau auf diese eine Art“. Oder so ähnlich.

Vermutlich sträubt sich meine relativ unchristliche Mutter deshalb so gegen unsere alljährliche Weihnachtsfeier. Sie lässt sich ungern Dinge vorschreiben - besonders, wenn es die Kirche ist, die es diktiert.
Und trotzdem werde ich vermutlich auch weiterhin jedes Jahr über dieses Thema mit ihr streiten.

Veränderungen, wie beispielsweise ein anderer Ablauf des Weihnachtsabends sind für manche Menschen nur dann akzeptabel, wenn sie das Gefühl haben, dass sie zum eigenen Vorteil sind. Das mag egoistisch klingen, doch im Grunde ist das eigene Wohlbefinden zu maximieren ein ganz natürlicher Trieb. Jedoch bleibt bei Veränderungen immer eine gewisse Unsicherheit, ob dadurch denn wirklich auch mehr Freude entsteht, als Leid.

Ein neues Dessert an Weihnachten würde mich natürlich nicht umbringen. Allerdings könnte ich auch nicht mit Gewissheit sagen, dass es den Abend verbessern würde. Deshalb werde ich, obwohl mir die Wichtigkeit von Veränderungen absolut bewusst ist, vermutlich mein Leben lang an unserem typischen Heilig-Abend-Schema festhalten.

Nicht, weil die Kirche das so von mir will, sondern einfach, weil es eine schöne Kindheitserinnerung ist.