Von all den Versionen, die wir verloren haben
Beziehungsenden sind gesellschaftlich sichtbar – aber was ist mit dem Verlust von Freundschaften? In diesem Text erzähle ich von einer Trauer, für die es kaum Worte gibt. Über Trennungen, die ohne Skript passieren. Und darüber, was es bedeutet, nicht nur eine Freundin zu verlieren, sondern auch eine Version von sich selbst.
ESSAYS UND GEDANKEN
2/27/20253 min read
Trennungen sind merkwürdig. Nicht nur, weil sie etwas beenden, das einmal einen festen Platz in unserem Leben hatte, sondern auch, weil sie uns vor Fragen stellen, auf die es keine richtige Antwort gibt. Was machen wir mit den gemeinsamen Erinnerungen, den Routinen, die sich über Jahre eingeschlichen haben? Mit dem Reflex, diese eine Person anzurufen, wenn etwas passiert – bis wir uns erinnern, dass wir es nicht mehr tun? Dass wir es nicht mehr können?
Beziehungstrennungen haben ihre Narrative. Sie sind sichtbar, sie sind normiert, sie sind gesellschaftlich anerkannt. Wir sprechen darüber, bekommen Verständnis, dürfen trauern. Es gibt Mechanismen, um sie zu verarbeiten – ein gewisses Vokabular, eine Art Leitfaden, der uns sagt, wie es weitergeht. Aber wer achtet auf freundschaftliche Trennungen? Wer schreibt darüber, dass sie oft mindestens genauso schmerzhaft sein können? Dass sie manchmal noch schwerer zu begreifen sind, weil es keinen klaren Moment gibt, in dem wir sagen: „Jetzt ist es vorbei.“
Ich habe in meinem Leben zwei Beziehungen beendet, und doch war keine dieser Trennungen so schmerzhaft wie der Verlust meiner besten Freundin. Vielleicht, weil freundschaftliche Trennungen seltener sind. Weil sie nicht dasselbe Skript haben, das uns hilft, sie einzuordnen. Die meisten Freundschaften verlaufen sich irgendwann. Wir sehen uns weniger, sprechen irgendwann nur noch aus Pflichtgefühl und irgendwann auch das nicht mehr. Das ist der natürliche Lauf der Dinge – zumindest reden wir uns das ein.
Aber was ist mit den Freundschaften, die nicht einfach still und leise verschwinden? Die nicht verblassen, sondern brechen? Über die wir nicht nur hinwegwachsen, sondern die mit einem Riss enden, der noch lange nachhallt?
Es ist ein seltsames Gefühl, wenn eine Person, die einmal alles wusste, plötzlich gar nichts mehr weiß. Wenn jemand, mit dem wir unzählige Stunden verbracht haben, zu einer Fremden wird, deren Leben wir nur noch von außen betrachten. Manchmal unfreiwillig. Manchmal durch Instagram-Posts, die uns zufällig erreichen, manchmal durch gemeinsame Bekannte, die beiläufig erwähnen, was sie jetzt tut, wen sie jetzt trifft, wie ihr Leben weitergeht – ohne uns. Und obwohl wir genau das wollten, obwohl wir vielleicht selbst den Schlussstrich gezogen haben, bleibt das seltsame Echo von etwas, das einmal so selbstverständlich war.
In Beziehungen ist das Ende oft klar definiert. Wir reden, streiten, entscheiden – und dann gibt es diesen Moment, diesen finalen Punkt, nach dem alles anders ist. Und obwohl es schmerzhaft ist, ist es meistens einfacher zu akzeptieren, dass eine Partnerschaft enden muss. Weil wir wissen, dass wir uns selbst damit die Chance geben, in einer anderen Beziehung vielleicht glücklicher zu werden. Dass es Sinn ergibt, uns aus einer Dynamik zu lösen, die nicht mehr passt, um uns für eine neue zu öffnen.
Bei Freundschaften ist das anders, den dort gibt es keine klare Ersatzlogik. Freundschaften können gleichwertig parallel nebeneinander existieren und eine Freundin ersetzt keine andere. Eine Freundin besetzt nicht denselben Platz, nimmt nicht die gleiche Rolle ein, füllt nicht dieselben Lücken. Es ist nicht so, dass wir sagen: „Es hat nicht funktioniert, aber vielleicht klappt es mit jemand anderem besser.“ Weil Freundschaften oft nicht an Inkompatibilität scheitern, sondern an Entwicklungen, an Bruchlinien, die sich erst mit der Zeit zeigen. Und weil es keinen Trost gibt, der sagt, dass der Verlust einer Freundschaft uns eine bessere ermöglichen wird.
Und selbst wenn wir uns erklären, selbst wenn wir es bewusst beenden – was machen wir dann mit all dem, was bleibt? Was machen wir mit der Playlist, die wir gemeinsam erstellt haben? Mit den Orten, die sich nach „wir“ angefühlt haben? Mit den Witzen, die niemand anderes verstehen wird?
Niemand bringt uns bei, wie wir eine Freundschaft beenden. Niemand sagt uns, dass es okay ist, dass es wehtut, dass es vielleicht sogar länger wehtut als das Ende einer Beziehung. Dass der Schmerz anders ist, weniger dramatisch, aber dafür leiser, beständiger, tiefer. Dass wir noch lange danach reflexartig nach dem Namen in den Chats suchen, obwohl wir wissen, dass da nichts mehr kommt.
Vielleicht liegt die Schwierigkeit in der Art, wie wir Freundschaften wahrnehmen. Beziehungen betrachten wir als etwas Potenziell Endliches. Sie haben ein Versprechen, aber auch eine Erwartung. Freundschaften hingegen sollen bleiben. Sie sind unser sicherer Hafen, der beständige Gegenpol zu all den zerbrechlichen Romanzen. Sie sind die Menschen, mit denen wir glauben, alt zu werden. Und genau deshalb trifft es so hart, wenn sie doch enden.
Freundschaftliche Trennungen hinterlassen keine Lücke, die jemand sofort ersetzen kann. Weil es nicht nur um eine Person geht, sondern um eine gesamte Dynamik, um Jahre an geteilten Geschichten, um all das, was unausgesprochen mitschwang. Um den Menschen, den wir in dieser Freundschaft selbst waren.
Vielleicht ist das das Bitterste daran: Dass wir mit dem Ende einer Freundschaft nicht nur die andere Person verlieren, sondern auch eine Version von uns selbst, die es so nur mit ihr gab.
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