¡Viva la menstruación!
Die Menstruation – ein Thema, mit dem Man(n) sich gar nicht gerne beschäftigt. Ein Umstand, der traurig und bitter ist, für unsere Gesellschaft. Denn schließlich handelt es sich dabei um eines der natürlichsten Dinge der Welt.
POLITIK & GESELLSCHAFTESSAYS UND GEDANKEN
6/2/20205 min read
Damals, als es noch erlaubt war, in den Lernräumen unserer Fakultät zu lernen, saß ich häufig gegenüber einer Kommilitonin von mir. Auf ihrem Laptop klebten viele bunte Sticker.
Viva la menstruación | I’m not ovary-acting | Support your local pussy | Feminismus fotzt | Love yourself
Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Tamaras Sticker sind super.
Irritiert stellte ich jedoch fest, dass andere um uns herum ihren Laptop argwöhnisch beäugelten.
Besonders die Männer. Eigentlich nur die Männer.
Sie schienen sich wohl irgendwie durch Tamaras offene, feministische Rebellion in Form von Stickern in ihrer Komfortzone gestört.
Die Menstruation – ein Thema, mit dem Man(n) sich gar nicht gerne beschäftigt.
Ein Umstand, der mich in irgendeiner Art und Weise unglaublich nervt. Denn schließlich handelt es sich dabei um eines der natürlichsten Dinge der Welt.
Heute musste ich an diese Situation in den Lernräumen zurückdenken. Dies brachte mich dazu, auf Jodel eine Frage in einen Channel (@WsfragenMs – also Frauen fragen Männer) zu stellen:
Warum habt ihr so große Angst vor der Menstruation? Also mal ernsthaft?
Der Aufschrei war riesig.
Viele Männer fühlten sich von meiner Frage mächtig ans Bein gepinkelt. Von Angst sei überhaupt nicht die Rede und generell würde ich da ja enorm pauschalisieren. Um ehrlich zu sein, wäre es eine Lüge, zu behaupten, ich hätte diese Frage nicht absichtlich so scharf und provokant gestellt. Je provokanter die Frage, umso interessanter sind teilweise die Antworten. Und vielleicht ist manchmal ein wenig Provokation nötig, um den einen oder anderen Mann aus seiner Komfortzone zu holen, damit er mit mir über Dinge, wie die Menstruation spricht. Denn wer weiß, ob sie es sonst je getan hätten?.
Die Antworten auf meine Frage fielen sehr interessant aus.
„Ich habe keine Angst vor der Menstruation – ich habe Angst davor, dass sie ausbleibt.“
Okay. Meiner Meinung nach ist das eine legitime Antwort. Dieses Gefühl kennt die ein oder andere Frau bestimmt auch.
Bei anderen Antworten stellten sich mir jedoch die Haare im Nacken auf.
„Frauen werden dann öfters mal unberechenbar… Davor habe ich Angst.“
Wieder muss ich an Tamaras Sticker denken.
I’m not ovary-acting.
Ich denke, es gibt kein Sprichwort, was es hätte besser zusammenfassen können, als dieser Satz.
Es gibt wenig, was ich so problematisch finde, wie wenn bestimmte Männer (und auch Frauen) den Gemütszustand einer Frau mit ihrer Periode begründen. So viele Männer kennen sich im Allgemeinen so wenig mit der Menstruation aus – sie wissen meist nicht, wie lange sie tatsächlich in der Regel dauert oder ob man beispielsweise in dieser Zeit schwanger werden könnte oder nicht.
Aber wenn eine Frau mal schlechte Laune hat… Dann sind sie auf einmal alle Experten in diesem Gebiet.
Es ist unfair. Ich erinnere mich daran, wie ich einst recht heftig meinen Standpunkt zu einer Sache gegenüber meinen männlichen Schulkameraden äußerte.
„Die hat doch nur ihre Tage“. Das war alles, was sie dazu sagten.
Es ist besonders deshalb so unfair, weil sie mir nicht zuhörten. Zu schnell hatten sie eine vermeintliche Begründung für meine Reaktion gefunden, anstatt meine wahren Beweggründe nachzuvollziehen. Dabei hatte mein Gemütszustand nichts mit meinen Hormonen zu tun, sondern war einzig und allein dadurch verschuldet, dass meine Mitschüler schlichtweg einfach Idioten waren.
Grüße gehen an dieser Stelle raus an Yannick, Theo und Julius. Danke für nichts.
„Was bedeutet Angst? Gehört halt zum Menschen und es ist völlig normal. Mich damit einreiben möchte ich mich aber auch nicht“
„[Angst vor der Menstruation] habe ich nicht. Aber Sex während der Periode möchte ich trotzdem nicht“
„Die meisten Sachen, die der Körper ausscheidet, sind nicht besonders ansprechend.“
„Ich habe keine Angst davor. Kenne auch keinen in meinem Freundeskreis. Es ist halt was Menschliches. Aber das ist kacken auch und beim Essen rede ich nicht über meinen Kot“
„Unterhältst du dich auch gerne über Sperma und Kacke?“
Dies sind ein paar Auszüge, der Antworten, die ich sonst noch auf meine Frage bekam. Je länger sich die Diskussion zog, desto ordinärer wurden die Antworten.
Und damit wären wir beim nächsten Thema.
Ekel.
Ekel vor einem völlig physiologischen Prozess. Ekel vor einer biologischen Notwendigkeit. Ekel vor der eigenen Partnerin – etwa eine ganze Woche im Monat.
Als Frau bist du mehr oder weniger dazu gezwungen, dich mit deinem eigenen Blut auseinanderzusetzen. Für uns ist es normal. Es ist Teil unseres Körpers. Oder war es. Je nachdem, wie man das betrachtet.
Mein eigener Freund fühlt sich davon überfordert, wenn ich ihn darum bitte, mir aus der Drogerie Tampons mitzubringen. Ihm sei das unangenehm, an der Kasse. Man könnte ja meinen, er hätte eine Freundin, die eine ganz normale junge Frau ist.
Und er scheint da bei weitem nicht der einzige zu sein. Immer wieder sehe ich junge Männer, die mit ihren anderen Einkäufen versuchen, die Tamponschachtel für ihre Freundin zu verdecken. Dabei ist doch eigentlich jedem klar, dass sie sie wohl kaum für sich selbst kaufen. So viel zum Thema “support your local pussy“.
Dass man aus Hygienegründen und Infektionsgefahr nicht gerne mit dem Blut anderer (ganz allgemein betrachtet) in Kontakt kommt, kann ich voll und ganz nachvollziehen. Aber viele Männer würden ja schon Zeter und Mordio schreien, wenn sie dieses Blut überhaupt nur sehen müssten.
Ich muss dabei an einen Beitrag von Rupi Kaur aus dem Jahr 2015 denken. Das Bild zeigte eine junge Frau. Sie trägt eine Hose, auf der sich deutlich ein Menstruationsfleck abzeichnet.
Nach einer mehr als heißen Debatte wurde das Foto von den Instagram-Administrator:innen gelöscht, da es gegen die Community Guidelines der Plattform verstoßen hätte. Dabei zeigte das Bild weder Nacktheit, noch Gewalt. Es zeigte lediglich einen natürlichen Prozess, der in unserer Gesellschaft totgeschwiegen wird. Vielleicht hat Instagram ungewollt mit genau diesem Handeln nochmal extra untermalt, was Rupi Kaur mit ihrem Beitrag eigentlich ausdrücken wollte.
Ebenfalls muss ich an meine Schulfreundin Miriam denken, die in der 12. Klasse entgegen des Verbots den Unterricht verließ, um auf die Toilette zu gehen. Auf die Frage, was das soll, antwortete sie dem Lehrer, ob er wolle, dass sie sich die Hose vollblute. Alle waren damals geschockt – über ihre Aufmüpfigkeit, aber auch über ihre Unverfrorenheit, mit der sie ihm das mitteilte. Ein Mädchen, das vor über 20 Leuten zugibt, dass sie ihre Tage hat. Sowas gibt’s doch nicht.
Ich habe heute Sticker bestellt. Die gleichen Sticker, die auch Tamaras Laptop zieren. Ich denke, ich werde sie auf ein paar Litfaßsäulen und auf unserer Toilette in der Unibibliothek verteilen. Vielleicht bekommt das Rednerpult meines Professors auch einen.
Eben jener Professor, der damals folgendes sagte:
„Immer wenn ich Studenten im Physikum nach dem weiblichen Zyklus frage, stelle ich fest, dass die männlichen Studenten deutlich besser darüber Bescheid wissen. Der weibliche Teil von Ihnen scheint wohl zu meinen, nur, weil Sie selbst einmal monatlich in diesen Genuss kommen, hätten Sie das Lernen des weiblichen Zyklus nicht nötig.“
Damals war ich richtig platt. Das hatte er grad nicht ernsthaft gesagt.
Es ist nicht der erste Teil des Satzes, der mich sauer aufstoßen lässt. Die Argumentation, dass männliche Studenten ihr jahrelanges Unwissen durch intensives Lernen ausgleichen möchten, erscheint mir schlüssig.
Es ist die Wertung, die in diesem Satz liegt. Und ein Wort.
Genuss.
Im Gegensatz zu vielen anderen Männern dieser Welt kann man meinen Professor definitiv als Experten in Sachen „weiblicher Zyklus und Menstruation“ bezeichnen. Er kennt sich fachlich besser darin aus, als ich es je können werde. Trotzdem wird er vermutlich nie verstehen, was das eigentlich genau bedeutet.
Sich ständig mit der Periode abmühen zu müssen. Die Panik, die man manchmal verspürt, wenn sie einmal dann doch nicht rechtzeitig kommt. Das Gefühl, wenn man seinen Freunden absagen muss, weil einen die Krämpfe gefühlt fast umbringen.
Ja, mein Professor bekommt auch einen Sticker. Und ich weiß auch schon genau, welchen.
Viva la menstruación!


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