Verlaufen in Geschichten: Ein Tag zwischen Steinen und Fremden

Zwischen Minaretten, missverstandenen Buslinien und kleinen Gesten, die schwerer zu deuten sind, als sie scheinen: In diesem Beitrag erzähle ich davon, wie schwer es manchmal ist, in fremden Situationen die eigene Grenze zu setzen, ohne sich selbst zu verlieren.

REISETAGEBUCH

9/23/20244 min read

Zu Fuß erreiche ich die Hagia Sophia und stelle mich in die berühmte Schlange, die heute, dank des Regens, nur halb so furchteinflößend ist. Zehn Minuten später und 26 Euro ärmer halte ich mein Ticket in der einen und ein Einmalkopftuch in der anderen Hand, dessen Material verdächtig an die Isolierkittel im Krankenhaus erinnert.

Drinnen trifft mich zuerst die schiere Größe des Gebetsaals. Die Decke schwebt hoch über mir, die Wände erzählen Geschichten aus Jahrhunderten. Riesige Kalligraphie-Tafeln hängen von den Balkonen, 7,5 Meter groß, als müssten sie sich gegen die Zeit behaupten. Ich lasse meinen Blick über die Säulen schweifen, über das ungleichmäßige Mosaik, das Licht, das durch die Fenster fällt – und poste ein Bild.

„Da steht ja wirklich nichts gerade,“ antwortet Kai.

Ich schaue mir das Foto nochmal an. Und tatsächlich: Die Marmortür ist schief, nichts erscheint hier exakt symmetrisch.
Nicht einmal der Altar, die Mirhab, ist mittig. Später erfahre ich durch den Audioguide, dass das kein Zufall ist. In der islamischen Architektur richtet sich die Mirhab immer an der Qibla aus, der Gebetsrichtung nach Mekka. Und da sich Mekka nun mal nicht an die Baulinien Konstantinopels gehalten hat, wurde der Raum drumherum angepasst.

Diese Stadt hat schon so viele Geschichten gesehen, dass selbst die Gebäude sich ihnen beugen mussten. Einst war die Hagia Sophia eine christliche Kirche, errichtet von einem Mann, der dachte, dass es außer ihm keine größere Macht in dieser Region gab. Dann kam der Bürgerkrieg, das Feuer, die Plünderer, das Wetter. Sie wurde zerstört und wieder aufgebaut, bis sie 1453 zur Moschee wurde. 1923 machte Atatürk sie zum Museum – ein Symbol der Säkularisierung. Und Erdogan hat diesen Kreis jetzt wieder geschlossen. Damit ist sie heute beides: Museum und Gebetshaus, wahlweise für 25 Euro zu besichtigen.

Für mich bleibt keine Zeit für den Museumsteil, stattdessen sprinte ich durch den Platzregen zur Blauen Moschee.

Geschlossen.

Hm. Na gut. Ich bin eh schon knapp dran.
Um 10 Uhr fährt mein Transport zum Flughafen, und wenn ich an die zweieinhalb Stunden auf dem Hinweg denke, ist es vielleicht besser, mich nicht auf mein Zeitmanagement zu verlassen. Also suche ich die richtige Haltestelle. 36A, 36V, 36T – und ich habe keine Ahnung, was der Unterschied ist.

Ich versuche, auf Englisch nachzufragen. Keine Chance.

„No hablo inglés.“

Mist. Aber warte mal… Das war doch gerade Spanisch?
Dieses Mal habe ich eine Katalanin erwischt, die ihren Sohn in Istanbul besucht. Sie hat genauso wenig Plan, welcher Bus der richtige ist, also bleiben wir einfach sitzen und hoffen auf das Beste.

Die Rushhour kriecht durch die Straßen.
Wir bewegen uns im Schneckentempo, und meine Nervosität steigt.

Anderthalb Stunden später habe ich laut Google Maps meinen Umsteigepunkt fast erreicht – und dann macht der Bus eine Kehrtwende auf die Autobahn. Zurück in Richtung Innenstadt.

MIST.

Warum schleichen wir uns eine halbe Ewigkeit durch die Innenstadt, wenn es diese verdammte Autobahn auch in die andere Richtung gibt?! Ich springe bei der nächsten Haltestelle raus und versuche, einen anderen Bus zu finden. Das Internet meiner 1-Tages-E-SIM schwächelt, Google Maps lädt nicht mehr. Also lerne ich den Namen des Kaffs, in dem mein Hotel steht.

„Arnavutköy?“

Ein alter Herr winkt mich zu einem Schild, das mir allein nie aufgefallen wäre, und deutet auf die 36TC. Na sowas. Hätte ich gewusst, dass es so einfach geht, hätte ich mein Handy viel früher beiseitegelegt. Im Bus stehen sofort drei ältere Herren für mich auf. Ich weiß nicht, ob das Höflichkeit gegenüber Frauen oder jungen Leuten ist, aber mir ist es auf jeden Fall unangenehm. Ich sitze später sowieso noch lange genug.

Doch wie lehnt man eine Freundlichkeit ab, ohne unhöflich zu wirken? Ich gebe auf und setze mich hin, während der Mann, der kaum gerade stehen kann, für mich Platz macht. Dann wird ein Sitz neben dem alten Herrn frei, der mir vorhin an der Bushaltestelle geholfen hat. Endlich kann sich der andere Herr setzen. Doch stattdessen ruft mich begeistert mein selbsternannter Wegweiser herüber und klopft auffordernd auf den freien Platz.

Nein. Ich habe keine Lust auf unverständlichen Smalltalk auf Türkisch, keine Lust auf aufdringliche Hände, keine Lust, mich umzusetzen, wenn es keinen Grund gibt. Denn auch wenn er mir geholfen hat, war er an der Bushaltestelle schon etwas zu nah dran – ein paar Sekunden zu lange den Arm auf meiner Schulter, eine beiläufige Berührung, die nicht ganz beiläufig war. Und das: ein Klopfen auf den Sitz neben ihm, eine wortlose Aufforderung.

Ich verstehe nicht, warum.

Es gibt keinen Grund, meinen Platz zu wechseln. Keinen Grund, mich in diese Situation zu begeben. Also starre ich einfach weiter aus dem Fenster und tue so, als würde ich diese universelle Aufforderung nicht verstehen. Als gäbe es hier nichts, auf das ich reagieren müsste.

Dann kommt das nächste Klopfen, dieses Mal energischer. Ich bleibe still.

Irgendwann tippt mich der andere alte Herr an, macht dieselbe Handbewegung. Ich bin überfordert. Wehre ich mich, stelle ich mich an. Gehe ich hin, verliere ich die Kontrolle über die Situation. Also lasse ich mich rüberscheuchen.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Irgendwelche Berührungen, ein unangenehmes Gespräch. Doch stattdessen sitzt er einfach nur friedlich da und schaut aus dem Fenster. Hin und wieder zeigt er mit dem Finger auf Dinge in der Dunkelheit, erklärt mir etwas auf Türkisch. Ich nicke bedeutsam und tue so, als würde ich verstehen.

Und für einen Moment habe ich das Gefühl, dass es vielleicht gar nicht darum ging, dass ich mich als Rolle einer jungen Frau hierhin setzen sollte. Sondern darum, dass er einfach jemanden haben wollte, der neben ihm sitzt.