Schattenrisse im Städtegold

Zwischen dampfendem Zugkaffee und verlassenen Maskenläden: Eine langsame Winterreise durch Venedig und Triest – Städte voller Geschichte, Melancholie und widersprüchlicher Schönheit. Ein Text über leere Gassen, verletzte Fische, aufgeweichte Grenzen und einen Brillenkauf, der anders lief, als erwartet.

POLITIK & GESELLSCHAFTREISETAGEBUCH

4/16/20256 min read

Venedig, 27. Januar 2025

Am nächsten Morgen weckt mich das gleichmäßige Schaukeln des Nachtzugs und der vertraute Geruch von dünnem Filterkaffee, der irgendwo weiter vorne in einem kleinen Plastikbecher vor sich hin dampft. Während wir geschlafen haben, hat sich der Zug weiter durch die Nacht geschoben – von Linz über Udine bis nach Venedig.

Kurz bevor wir die letzte Brücke erreichen, die den Zug direkt auf die Insel bringt, werde ich plötzlich kribbelig. Ich war schon einmal hier – als Kind. Und auch wenn ich es gewohnt bin, Bahngleise zu sehen, die auf eine Insel führen – meine eigene Heimatstadt Lindau liegt schließlich auch im Wasser – hat dieser Moment etwas Besonderes.

Links und rechts von uns schwappt türkisgrünes Wasser gegen die Steine des Damms, das Licht ist weich und klar, als würde die Stadt selbst noch schlafen. Und während die Räder über die Schienen rattern, liegt etwas in der Luft, das verheißungsvoll nach einer neuen Reise riecht.

Als wir das Bahnhofsgebäude verlassen, stehen wir plötzlich mittendrin – in der Postkarte, die man als Kind einmal verschickt hat. Das Licht ist diffus an diesem Morgen, grau liegt über den Kanälen, über denen sich die pastellfarbenen Fassaden der Häuser erheben.

„Wahnsinn, dass das alles auf Pfählen gebaut ist“, sagt Dani, der zum ersten Mal hier ist.

„Weißt du, als ich klein war, haben mir meine Eltern erzählt, dass die Pfähle vom Meerwasser zerfressen werden. Und dass die Stadt irgendwann einfach im Meer versinken wird, wenn man nichts dagegen unternimmt.“

Er schaut mich an. „Ganz schön dramatisch.“

„War es auch“, sage ich und muss grinsen. „Ich hatte chronisch Angst, dass ausgerechnet an dem Tag, an dem wir dort sind, plötzlich alles untergeht. Dass wir mitten im Untergang landen und niemand je erfahren wird, dass es uns mal gegeben hat.“

Wir laufen durch eine kleine Seitengasse, die sich so eng zwischen zwei Häuserwände schiebt, dass wir unsere Schultern fast einziehen müssen. Die Fensterläden über uns sind geschlossen, ein Wäscheseil hängt leer über dem Kopfsteinpflaster. Es ist still, nur unsere Schritte hallen leise zwischen den Wänden.

„Glaubst du, hier wohnt überhaupt noch jemand?“ frage ich irgendwann.

Daniel zuckt mit den Schultern, sieht sich um.
„Vielleicht ein paar Alte. Oder Leute, die einfach nie weggegangen sind. Der Rest kann es sich wahrscheinlich nicht leisten.“

Ich nicke.
„Die Menschen, die hier arbeiten, pendeln wahrscheinlich jeden Morgen vom Festland rein", denke ich.

„Viele wahrscheinlich schon. Und ein Teil kommt bestimmt nur für die Saison. Gastro, Reinigung, Souvenirstände – das sind alles Leute, die kurz bleiben, viel arbeiten und wenig sehen."
Er sagt das ohne große Betonung, mehr wie jemand, der das nicht zum ersten Mal denkt.

Wir gehen weiter. Und irgendwo zwischen der nächsten Brücke und dem Geruch von Waschmittel frage ich mich, wie sich ein Alltag anfühlt, der jeden Morgen vom nächsten Fotomotiv überrollt wird.

Wir laufen weiter durch die engen Gassen, überqueren kleine Brücken, lassen uns treiben. Die Kanäle glitzern im Morgenlicht, Fische tummeln sich im grünen Wasser. Einige von ihnen wirken verletzt – ihre Köpfe gezeichnet von Schnitten oder offenen Stellen.

„Meinst du, das kommt von den Schiffsschrauben? Oder von Möwen?“, fragt Dani.

Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht beides.“

„Du erinnerst dich an die Geschichte mit den Delfinen?“, fragt Dani. „Dass sie während Corona plötzlich zurück in die Lagune kamen, weil es so ruhig war?“

Ich nicke. Damals ging die Geschichte um die Welt – als Symbol einer kurzen, kollektiven Atempause. Als würde sich die Natur für einen Moment den Raum zurückholen, den wir ihr längst genommen hatten.

Und vielleicht war das das Erschreckendste daran: Dass es so wenig gebraucht hat. Ein paar Wochen ohne Kreuzfahrtschiffe. Weniger Lärm. Weniger Müll. Weniger von uns.

Es ist schon merkwürdig, wie brutal leise unser Normalzustand eigentlich ist – für alles, was nicht in unser Konzept von Nutzung passt. Venedig ist dafür ein Paradebeispiel. Eine Stadt, die aussieht wie ein Gedicht und funktioniert wie ein Museum. Ein Sehnsuchtsort, dem wir täglich hunderte Busladungen Sehnsucht zumuten.

Jetzt, an diesem stillen, kühlen Januarsonntag, spüren wir, wie viel dieser Stadt fehlt – und wie viel sie gerade dadurch zurückgewinnt. Die Maskenläden sind noch geschlossen. Die Touren beginnen später. Der Kanal liegt fast regungslos da. Keine Kreuzfahrttouris, keine Selfiesticks.

Das, was übrig bleibt, ist nicht weniger – sondern vielleicht das, was die Stadt einmal war, bevor wir sie zu einer Kulisse gemacht haben.

Wir gehen weiter, vorbei an Fenstern mit abgeblätterten Holzläden, an Wäscheleinen über stillen Gassen. Venedig, das atmet. Nicht für uns. Sondern trotzdem.

Gegen Mittag nehmen wir den Zug und fahren weiter. So schön Venedig auch ist – es fühlt sich nicht wie die Stadt an, in die wir gehören.

Es ist die Stadt der Reichen, der Kreuzfahrttouris, der Souvenirläden mit Preisschildern in vier Sprachen. Zwischen all den Designerjacken und Rollkoffern wirken unsere Rucksäcke fast wie ein stiller Protest.

Der Zug tuckert gemütlich den Golf von Venedig entlang. Die Landschaft zieht an uns vorbei, während wir in ein langes Gespräch über Träume, Ziele und das eigentümliche Spannungsfeld zwischen Selbstverwirklichung und Selbstverlust geraten.

Am Nachmittag erreichen wir Triest – eine Stadt, die sich fast zu nah an der slowenischen Grenze befindet, um sich ganz italienisch zu nennen, und doch aus jeder Pore den Charme der italienischen Kultur verströmt. Kleine Cafés, helle Hausfassaden, Menschen, die mit einer Ruhe durch die Straßen schlendern, die fast ansteckend ist.

Lange war Triest ein Ort der Zwischenräume: einst eine Hafenstadt der Habsburger Monarchie, später Schauplatz nationalistischer Spannungen, Umschlagplatz von Identitäten, Sprachen, Zugehörigkeiten. Es ist eine postimperiale Grenzstadt, die nie ganz zu Italien gehörte – und doch immer wieder in dessen Geschichte zurückgeholt wurde.

Durch die Nähe zur slowenischen Grenze spielt Triest jedoch auch heute erneut eine Rolle im europäischen Grenzregime - denn hier verläuft ein Seitenarm der sogenannten Balkanroute. Hier landen Menschen an, die Europa nicht - wie wir - als Reisekulisse erleben, sondern als Raum, den sie erst durchqueren müssen, oft zu Fuß, oft nachts, oft mit Angst.

Wir schlendern durch die grau-weißen Gassen, Häuser im Habsburger Stil reihen sich an italienische Kaffeehäuser, slowenische Straßenschilder blitzen zwischen Tabakläden auf. Alles wirkt vertraut und fremd zugleich.

Wir beschließen irgendwann, einen Optiker aufzusuchen - und was als spaßige Idee zum Zeitvertreib anfing, endet in einem ernsthaften Verkaufsgespräch.

„Du weißt schon, dass man – wenn man gerade erst wieder mit Brille einsteigt – am besten ein schlichtes, dünnes Modell nimmt, um sich langsam an den Anblick zu gewöhnen?“ sage ich, ein wenig skeptisch.

„Klar“, sagt Daniel und greift zu dem auffälligsten Gestell im Laden: dicker schwarzer Steg, goldene Bügel, Statement pur.

Der Optiker, freundlich und bemüht, erklärt uns in gebrochenem Englisch, dass die Brille aus dem 3D-Drucker stammt. Irgendetwas mit „Bambini“ und Schlagbewegungen in Richtung des Gestells – wir nicken höflich, während unsere Stirn langsam Falten schlägt.

Als ich ihm verrate, dass ich Spanisch spreche, steigt der Informationsgehalt sprunghaft – und gleichzeitig wechselt er, scheinbar aus Prinzip, ins Italienische. Er spricht weiter, schnell, mit Händen und Mimik – als würde sich das Verständnis schon irgendwie einstellen.

Die neuen Modelle, sagt er, seien flexibel, federleicht und fast unkaputtbar – gemacht für den Alltag, für Bewegung, für Menschen, die ihre Brille nicht wie ein rohes Ei behandeln wollen.

Daniel probiert sich durch die Kollektion, deren Unterschiede ich kaum wahrnehme – und entscheidet sich schließlich für das Modell mit dem dicksten Rand.

Kaum haben wir den Laden verlassen, setzt er die Brille auf.

„Da sind doch nur Fensterglasscheiben drin – damit kannst du doch unmöglich besser sehen“, sage ich grinsend.

„Ich weiß“, sagt er. „Aber so kann ich mich schon mal an mich mit Brille gewöhnen.“

Wir laufen noch ein bisschen ziellos durch die Stadt, lassen uns treiben zwischen Montagssruhe und Straßenlaternen. Irgendwann landen wir in einer kleinen Pizzeria in der Nähe des Hauptplatzes. Der Teig ist dünn, der Käse für unsere Verhältnisse ungewohnt unvegan, und dennoch schmeckt alles irgendwie genau richtig für diesen Moment.

Es ist ein stiller, zufriedener Abend. Keine besonderen Gespräche. Nur dieses ruhige Nebeneinander, das sich einstellt, wenn man müde ist. Wir übernachten in einem preisgünstigen, aber überraschend guten Hotel unweit des Bahnhofs. Die Matratzen sind weich, das Bad sauber, das Frühstück inklusive. Wir schlafen aus.

Am nächsten Morgen ist es Montag. Die Straßen glänzen nass, der Wind fegt über die leeren Bahnsteige. Wir steigen ein, suchen unsere Plätze, und während der Zug langsam anrollt, sehe ich, wie Daniel die Brille noch einmal aufsetzt, dieses Mal ohne Kommentar.

Der nächste Halt: Ljubljana.

Die neue Brille sitzt...