Of men haters and death eaters

Feminismus ist heute eines der am meisten polarisierten Themen – oft, weil er missverstanden wird. Viele junge Frauen glauben, Gleichberechtigung sei längst erreicht. Aber das stimmt leider nicht. Es gibt immer noch zu große Unterschiede: beim Gehalt, in der Politik, in Führungspositionen. Dieser Beitrag ist ein Versuch, daran zu erinnern, dass Emanzipation kein abgeschlossenes Projekt ist – und dass es an uns liegt, weiterzumachen.

POLITIK & GESELLSCHAFTESSAYS UND GEDANKEN

6/29/202011 min read

Feminismus ist in heutigen Gesellschaft wahrscheinlich eines der emotional aufgeladensten Themen, die wir haben. Dieses Thema polarisiert, weil sich viele Menschen vor den Kopf gestoßen fühlen. Weil sie sich vom Feminismus nicht verstanden fühlen, obwohl sie ihn oft selbst nicht verstehen.

Auch ich frage mich, ob ich den Feminismus überhaupt so richtig begriffen habe. Wenn ich an die Notwendigkeit des Feminismus denke, schießen mir gleich die 3 großen „Klassiker“ in den Kopf. Der Gender Pay Gap, die Rolle der Frau in der Kindererziehung, die Verteilung von Führungspositionen.
Eigentlich bedeutet Feminismus viel mehr als die Auseinandersetzung mit diesen 3 Themen.
Doch häufig kommt man in den Diskussionen gar nicht so weit, über diese Themen zu reden. Denn oft scheitern diese Diskussionen an einer banalen Grundsatzdiskussion.

Immer wieder führe ich darüber Diskussionen auf Jodel.
Oft entwickelt sich auch dort eben jene Grundsatzdiskussion, denn viele führen das typische Bild des extremen Feminismus auf. Sie nennen Frauen, die wie hysterische Erinnyen oben ohne durch die Straßen rennen und ihre Wut über ein paar wenige Männer an der ganzen Welt auslassen.
Einer dieser Jodler zitierte dabei ein Gedicht von Sibel Schick:

„Du sagst: ‚Nicht alle Männer sind gleich.‘
Ich sage: ‚Ist das nicht irrelevant vielleicht?‘
Denn es ist kein strukturelles Problem,
Und ja, es ist kein individuelles Problem,
Und nein, es geht nicht um Ausnahmen,
Denn es ist ein weltweites Phänomen,
Dass Männer Arschlöcher sind.“
Damit ist das Rollenbild für ihn klar: Feminist:innen sind Männerhasser:innen. Feminazis.

Ich bekomme richtige Beklemmungsgefühle, wenn ich diese Argumentation lese. Denn – abgesehen davon, dass ich extreme Beklemmungsgefühle bekomme, wenn man (selbst radikalen) Feminismus mit dem dritten Reich gleichsetzt – verfehlen diese Interpretationen des Feminismus meiner Meinung nach bei Weitem den eigentlichen Kern der Sache.

Feminismus mit Männerhass gleichzusetzen, ist Schwachsinn. Wer Männer hasst, kann allein schon per definitionem kein:e Feminist:in sein.
Feminismus bedeutet, Gleichgerechtigkeit zu fördern und nicht, Ungerechtigkeiten zu Gunsten der Frauen umzudrehen.

Wer Männer hasst, ist Misandrist:in. Kein:e Feminist:in.

Das Männerhass-Argument wird häufig verwendet, um die Bewegung zu relativieren und sie auf ein paar wenige Extrembeispiele zu reduzieren. Dabei wird jedoch häufig vergessen (oder verschwiegen) dass es sich dabei um Extrembeispiele handelt. Und das ist das eigentlich Ironische daran: Viele Antifeminist:innen kritisieren Feminist:innen dafür, sie würden pauschalisieren. Im gleichen Zug pauschalisieren sie dabei jedoch oft selbst. Alle Feminist:innen seien Männerhasser:innen.

Viele Menschen verstehen nicht, warum es Feminismus heißt, wenn es doch eigentlich um die Gleichberechtigung aller Geschlechter geht. Dieser Begriff würde viel ausschließen und sich nur auf Frauen fokussieren.

Dies hat jedoch historische Gründe. Er entstand aus einer Ungleichheit, in der Männer viele Privilegien hatten, Frauen jedoch sehr wenige. Der Begriff zielt darauf ab, diese Diskrepanz zu beenden. Diejenigen, die in der Geschichte am meisten benachteiligt wurden, werden nun in der Namensgebung bevorzugt. Das heißt aber trotzdem nicht, es ginge im Feminismus nur um Frauen. Es ist der gleiche Grund, warum „Black Lives Matter“ nicht „All Lives Matter“ heißt. Natürlich zählt jedes Leben, unabhängig von der Hautfarbe. Aber dennoch werden durch den Titel die Diskriminierten hervorgehoben.

Einem dieser Jodler schicke ich Auszüge des Vorworts von Margarete Stokowskis Werk „Untenrum frei“, in welchem sie sich recht differenziert mit dem Feminismus auseinandersetzt. Schnell kritisiert er erneut, Stokowski würde ein pauschalisierendes Bild erzeugen. Feminist:innen würden die Menschen vor die harte Wahl stellen: entweder, man sei für den Feminismus, oder man sei gegen ihn. Dabei macht er an dieser Stelle jedoch genau das gleiche. Er sucht in diesem echt differenzierten Text verbissen nach dem Beweis dafür, dass Feminist:innen gerne pauschalisieren. Er gesteht dem Text nicht zu, dass es im Leben als Feminist:in nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern auch viele Nuancen dazwischen.

Ich wage es, mich aus dem Fenster zu lehnen und zu behaupten, dass es in jeder politischen Bewegung 90% gibt, die von den Ansichten prinzipiell überzeugt sind, und diese auch in einem moderaten Rahmen vertreten. Nur 10% sehen die Dinge extremer. Trotzdem sind es meist diese 10%, die am lautesten schreien.

Oft ist dies der Tod dieser Bewegung, denn ab diesem Zeitpunkt wird die gesamte Bewegung von der Öffentlichkeit auf diese 10% reduziert, auch wenn sie eigentlich eine absolute Minderheit repräsentieren und nicht der tendenziellen Meinung der restlichen Bewegung entsprechen.

Das Bild der hysterischen Furien, die mit benutzten Tampons um sich werfen, wird der Feminismus vermutlich so schnell nicht mehr los. Auch wenn ich selbst neulich einen Essay über die Menstruation verfasst habe, denke ich, dass manche Menschen dem Feminismus mit solchen Aktionen sehr schaden können. Denn nicht alles, was im Namen des Feminismus geschieht, ist gut.

Feminismus bedeutet für mich nicht, meine Interessen als Frau auf Teufel komm raus durchzusetzen und dabei Menschen anderen Geschlechts (oder ohne Geschlechterzugehörigkeit) gnadenlos unterzubuttern.

Nicht alle Männer sind Arschlöcher und nicht alle Frauen sind Heilige.

Ich würde mich selbst als Feministin bezeichnen. Trotzdem heiße ich eine Frau in der Politik nicht automatisch gut, nur weil sie eine Frau ist. Auf Alice Weidel könnte ich gut und gerne verzichten.

Auch sonst nerven mich diese „Als Feminstin muss man dies…“ oder „Als Feministin darf man nicht das…“-Debatten. In einem anderen Jodel stellte ein Mann die Frage, wie es mit dem Feminismus vereinbar wäre, sich im Bett durch einen Mann dominieren zu lassen. Das würde doch gegen jegliche Errungenschaften gehen, die diesbezüglich erreicht wurden.

Ich persönlich sehe da eine scharfe Trennung. Der Feminismus ist ein Kampf um die persönliche Freiheit. Das eigentlich Geile an Freiheit ist ja: Du darfst alles machen, was du möchtest, solange es sich im rechtlich unbedenklichen Rahmen bewegt. Dazu gehört es auch, sich im Bett von einem Mann dominieren zu lassen, wenn du das eben wolltest.
Ist es insofern nicht sogar auf eine paradoxe Art recht feministisch, seine Freiheiten zu nutzen?

Irgendwann mischt sich der Verfasser des oben genannten Beitrags ein. Er argumentiert recht plump, dass Frauen den Männern von Natur aus unterlegen seien, denn sie würden sich ihnen in der Partnerwahl ja gezielt unterwerfen. Der Mann müsse größer sein als sie, er müsse besser verdienen und stärker muss er auch sein.

Wieder mal eine Aussage, die mich echt platt macht. Was mich daran jedoch am meisten nervt, ist die Tatsache, dass er mit einem Teil ja sogar irgendwie Recht hat. Viele Heterofrauen wählen ihren Partner nach diesen Kriterien aus. Nur wenige kommen damit klar, wenn ihr Freund kleiner ist als sie selbst. Ich denke, das ist ein komischer Mix aus veralteten Rollenbildern und einem merkwürdigen, evolutionären Nestbautrieb.

Mich nervt dieses ewige Herumreiten auf der körperlichen Stärke deshalb so sehr, weil es absolut nichts aussagt. Gorillas sind beispielsweise stärker als wir Menschen, trotzdem würde ich nicht sagen, dass sie uns aufgrund dieses einen Merkmals generell überlegen sind.

Meiner Meinung nach sollte meine Referenz nicht mein Partner sein, sondern ich selbst. Bin ich selbst mit meinem Beruf und meinem Verdienst zufrieden? An der Differenz der Körpergröße kann man als Frau nichts ändern, doch wahre Größe hat selten etwas mit Körpergröße zu tun. Auch kleine Frauen können sich mit einem großen Selbstbewusstsein mehr Raum verschaffen.

Dieser Jodler will wissen, wie alt ich sei und wie viele Sexualpartner ich schon gehabt hätte.
Das ist der Moment, in dem ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll.
Abgesehen von der Frage, wie versiert die Diskursfähigkeit einer Person ist, für die die Anzahl der Sexualpartner:innen bei solch einem Thema relevant ist, frage mich ehrlich gesagt, ob er mir diese Frage auch gestellt hätte, wäre ich männlich.

Ich weiß nicht, was mein Alter diesbezüglich zur Sache tun würde. Ich habe keine Lust darauf, dass meine gesellschaftspolitischen Ansichten mit einem Verweis auf mein zartes Alter abgetan werden. Doch wäre ich älter, würde ich dann als alte, verbitterte Schachtel deformiert werden?

Ich muss dabei an ein Zitat von Rebecca Solnit denken:

„Most women fight wars on two fronts, one for whatever the putative topic is and one simply for the right to speak, to have ideas, to be acknowledged to be in possession of facts and truths, to have value, to be a human being.“

Die Frage, ob ich innerhalb meiner Argumentation eher akzeptiert werden würde, wäre ich männlich, kann ich nicht beantworten.
Was ich allerdings kann, ist, die Frage in den Raum zu stellen, wie oft Männer innerhalb einer gesellschaftspolitischen Diskussion schon gefragt wurden, ob es denn nicht sein könnte, dass sie einfach untervögelt sind?

Ist es also zu viel verlangt, wenn ich mir wünsche, genauso ernst genommen zu werden? Keine Frage zur Anzahl meiner Sexualpartner gestellt zu bekommen?

Ein Beispiel dafür, dass Feminismus leider auch in einer anderen Art völlig falsch angewandt werden kann, erkenne ich in den Tweets einer Autorin, die ich einst sehr gerne mochte.

„‘People who menstruate.’ I’m sure there used to be a word for those people. Someone help me out. Wumben? Wimpund? Woomud?“
Joanne K. Rowling

Ein:e Mathematiker:in würde ihr da bestimmt zustimmen. Tatsächlich sind bestimmt 99% der menstruierenden Menschen auf dieser Welt Frauen und die menstruierenden Männer oder Menschen, die sich keinem definierten Geschlecht zugehörig fühlen, stellen verhältnismäßig eine enorme Minderheit dar.
Aber dennoch ist das keine mathematische Betrachtung, in der man diesen geringen Prozentsatz einfach vernachlässigen kann. Wir sind eine Gesellschaft. Da sollte niemand ausgeschlossen oder im Sprachgebrauch vernachlässigt werden.

Es tut mir in der Seele weh, dass Rowling den Feminismus missbraucht, um ihre transphoben Philosophien zu rechtfertigen. Denn auch wenn ich finde, dass die Stellung der Frau in der Gesellschaft und im Sprachgebrauch mehr gefestigt werden muss, teile ich mir die Eigenschaft, ein menstruierender Mensch zu sein, gerne auch mit Männern, Non-Binären, oder Agender-Personen, wenn ich ihnen damit irgendwie das Gefühl vermitteln kann, dass ich sie in ihrer Identität akzeptiere und wertschätze.

Es ist sehr ironisch: Rowling hat sieben Bücher über eine andere Form von Rassismus geschrieben. Sie brachte uns bei, dass Stärke in Liebe und Diversität verankert ist und nicht in fanatischen Vorstellungen von reinem Blut. Unsere Lieblingsfamilie, die nicht an diesen fanatischen Vorstellungen festhält und Entfaltungsfreiheit bezüglich des Blutstatus unterstützt, wird von den Todessern als Blutsverräter beschimpft.

Aber Rowling ist selbst gegen Menschen, die sich nicht mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren können.
Sie ist auf ihre ganz eigene Art und Weise eine Todesserin und macht andere damit zu „Geschlechtsverrätern“.

Sie bezeichnet sich selbst als Feministin. Doch solange man im Kampf um Frauenrechte bestimmte Frauen ausschließt, nur weil sie mit einem Penis auf die Welt gekommen sind, dann kann man das meiner Meinung nach nicht mehr als Feminismus bezeichnen. Feminismus fordert Gleichheit für alle Frauen, nicht Gleichheit für die Frauen, die auch biologisch als Frau auf die Welt gekommen sind.
Der Spiegel bezeichnet sie als Dementorin unter den Feminist:innen. Ich finde, das ist ein sehr treffender Begriff.

Mir persönlich fällt es sehr schwer, JKR in dieser Meinung zu akzeptieren und respektieren.
Wenn ich mich selbst als toleranten Menschen sehe, muss ich jedoch andere Menschen in ihrer Meinung tolerieren, selbst wenn diese intolerant ist. Ich kann nicht Meinungs- und Entfaltungsfreiheit für andere fordern und im selben Zug die Meinung anderer ablehnen und verurteilen.

Trotzdem frage ich mich, ob wir jemals zu einem toleranten Weltbild gelangen werden, wenn wir intolerante Haltungen nicht sanktionieren. So blöd Shitstorms auch sind, manchmal sind sie vielleicht nötig. Denn eigentlich bedeuten Toleranz- und Meinungsfreiheit nicht, dass ich die Meinung eines anderen Menschen automatisch gut finden muss.

Es bedeutet, dass man ein Recht darauf hat, diese Meinung zu äußern, ohne dass man dafür von der Regierung eingesperrt wird. Es hat aber niemand einen Anspruch darauf, dass andere sich dieser Meinung anschließen müssen.
Resonanz und Rückmeldung sind erlaubt.
Toleranz heißt in meinen Augen, dass ich einen Menschen weiterhin als Person respektiere, allerdings heißt das nicht, dass ich deshalb alles akzeptieren muss.

Das kategorische Ausschließen von Frauen und anderen Menschen, mit allen möglichen Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten im Sprachgebrauch kommt sehr vielen Menschen normal vor. Es ist für sie normal, dass wir Frauen bei einer Verwendung des generischen Maskulinums „mitgemeint“ sind, aber nicht als nennenswert erachtet werden. Aber das sollte nicht normal sein.

Interessanterweise fühlen sich recht viele Frauen vom generischen Maskulinum angesprochen.
Ich nicht. Wer mich ansprechen will, kann sich bitte auch die Mühe machen.

Irgendjemand hat in der Vergangenheit entschieden, dass die männliche Form von nun an die allgemeine Form werden soll. Wieder bewegen wir uns im selben Androzentrismus, in dem wir uns schon seit Jahrtausenden bewegen.

Ein Gedankenexperiment: Was spräche dagegen, die weibliche Anrede zur allgemeinen Anrede zu machen? Ginge das gegen den männlichen Stolz, nur „mitgemeint“ zu werden? Und warum sollten Frauen das dann so hinnehmen, wenn Männer es auch nicht tun? Haben wir nicht auch einen Stolz?

Um genau diesen Standpunkt zu beweisen, verfasste das Bundesjustizministerium 2020 einen Gesetzesentwurf komplett im generischen Femininum – und löste damit heftige Reaktionen aus. Der Entwurf sei „möglicherweise verfassungswidrig“, denn im Gegensatz zu einem generischen Maskulinum scheint ein generisches Femininum wohl nicht alle anderen mitzumeinen und würde daher nur für Frauen gelten. Es ist besonders deshalb so ironisch, weil die Begründung der Generik von unserer Gesellschaft nur dann zugelassen wird, wenn es dabei um ein Maskulinum geht, und nicht um ein Femininum.

Ich persönlich wäre ebenso gegen ein generisches Femininum, weil es wieder nur ein Fall von umgedrehter Ungerechtigkeit wäre. Aber es ist eine gute Veranschaulichung dafür, dass eine Sprache eben doch nicht alle mit meint, wenn die Akzeptanz der Generik vom Geschlecht abhängig ist.

Ich wundere mich über diese Frauen, die sich von einem generischen Maskulinum angesprochen fühlen. Teilweise vertreten sie selbst die Meinung, gendern sei lästig und ein Binnen-I wäre unästhetisch. Diese Worte muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen. Sie sagen damit indirekt, die Erwähnung ihrer eigenen Person wäre lästig. Lieber werden sie nicht erwähnt bzw. nur mitgemeint – Hauptsache der Lesefluss des Textes wird nicht durch die Existenz eines weiblichen Wesens gestört.
Das ist traurig, denn Sprache ist und bleibt kulturstiftend. Auch wenn Frauen „mitgemeint“ sind, bleibt dieses Männerbild in den Köpfen der Menschen.

Die Verwendung des generischen Maskulinums mag grammatikalisch richtig sein, daran kann ich leider nichts ändern. Trotzdem sind Grammatik und Rechtschreibung rein davon abhängig, was die Gesellschaft momentan als richtig oder falsch definiert. Da gibt es kein Naturgesetz, welches die Regeln festsetzt. Man könnte die Regeln auch ändern, damit sich mehr Menschen vom Sprachgebrauch mit einbezogen und sich in ihrer Person wertgeschätzt fühlen. Denn nur weil das generische Maskulinum per Definition nach richtig wäre, ist es noch lange nicht fair.

Es ist außerdem eben nicht nur eine Sache der Wertschätzung.
Studien belegen, dass sich das Verwenden von gendersensibler Sprache positiv auf die Berufsvorstellungen von Kindern auswirkt. Dass sich junge Mädchen eher vorstellen können, einen MINT-Beruf zu wählen, wenn sie nicht nur mit stereotypischen Berufsbezeichnungen wie „Arzt“, „Physiker“, „Informatiker“ aufwachsen. Und auch, dass sich Jungen eher vorstellen können, einen sozialen Beruf zu wählen, wenn ihnen nicht ständig durch feminine Berufsbezeichnungen suggeriert wird, es handele sich dabei um einen reinen Frauenberuf.

Fast sieben Seiten später habe ich immer noch nicht über die eigentliche Notwendigkeit des Feminismus geredet, sondern lediglich über eine Grundsatzdiskussion über die Austragung des Feminismus.
Entstanden ist er in einer Zeit, in der es üblich war, dass Ehefrauen einfach totgeptügelt wurden, um Platz für die neue Ehefrau zu machen.
Eine Zeit, in der die schwangere Tochter zu der Engelmacherin gebracht wurde, während für die schwangere Geliebte gerade einmal die Treppe gut genug war.
Es war eine Zeit, in der es normal war, nicht wählen zu dürfen, nicht studieren zu dürfen, nicht Autofahren, nicht ohne die Erlaubnis des Ehemanns das Haus zu verlassen.

Viele junge Frauen sagen aus irgendeinem Grund, dass all dies für sie nicht mehr relevant sei. Meine Mutter musste sich neulich von einer 28-jährigen Kommunalpolitikerin sagen lassen, Emanzipation sei für Frauen ihrer Generation kein Thema mehr.
Ich bin 21 und für mich ist es ein Thema.

Noch immer gibt es zu große Diskrepanzen, sei es die Verteilung von Führungspositionen, der Gender Pay Gap oder die Unterrepräsentation von Frauen in der Politik.

Das, was diese Frauen vor 200 Jahren für uns erreicht haben, reicht nicht aus, um sich darauf auszuruhen. Wir müssen ihr Werk weiterführen, bis wir an einem Punkt angekommen sind, an dem tatsächlich eine Gleichstellung zwischen den Geschlechtern besteht und wir uns alle auf Augenhöhe bewegen.