Mit halbvollen Pässen
Ein kurzer Reisebericht über spontane Bahnfahrten durch Europa, übriggebliebene Interrailpässe und das Privileg, Grenzen passieren zu dürfen, ohne sie wirklich zu sehen.
POLITIK & GESELLSCHAFTREISETAGEBUCH
4/16/20254 min read
Nürnberg, 26. Januar 2025:
Die Uhr zeigt 20:05.
In fünfundzwanzig Minuten fährt unser Zug. In Gedanken sortiere ich Ladekabel, Handschuhe, Mütze. Nicht im Rucksack – im Kopf. Und während ich mich frage, warum wir nie früher anfangen zu packen, höre ich aus dem Bad:
„Ich spring noch schnell unter die Dusche, ja?“
Ich drehe mich langsam um.
„Wie bitte?“
„Keine Sorge, Schatz. Das schaffen wir noch.“
Noch 20 Minuten.
Ich beginne, die letzten Dinge zusammenzuraffen, halb suchend, halb resigniert. Kleidung, die irgendwo in der Wohnung verteilt liegt. Erinnerungsfetzen, die wir besser nicht vergessen sollten: Zahnbürste, Kopfhörer, Buch. Währenddessen fliegt ein Dialog durch den Flur wie ein Pingpongball:
„Mütze?“
„In deinem Rucksack.“
„Ladekabel?“
„Eingepackt.“
„Handschuhe?“
„JETZT MACH HINNE!"
Und dann steht er plötzlich da.
Das Handtuch noch um die Hüfte geknotet, das Haar nass, die Haut warm vom Dampf. Er sieht mich an, als sei nichts – als würde das alles schon irgendwie gut gehen.
Ich starre ihn entgeistert an.
„Dani...“
„Keine Sorge. Wir schaffen das.“
Wenige Minuten später stürmen wir die Treppe hinunter.
„Ich hab mein Handy vergessen – wir müssen...“
„Das ist in meiner Hosentasche! Los jetzt!“
Wir stürzen hinaus auf den Nürnberger Weinmarkt, hinein in ein vibrierendes Durcheinander aus Stimmen, Gläserklirren und flackerndem Licht. Der abendliche Bartrubel pulsiert längst. Kellner balancieren Tabletts durch dicht aneinandergereihte Stehtische, Gespräche hängen warm zwischen Heizstrahlern, aus den offenen Türen schwappt Musik.
Ein kurzer Blick zwischen uns und wir schnappen uns zwei E-Scooter.
Normalerweise verfluche ich die Dinger - doch heute sind sie unsere einzige Chance.
Mit dem ganzen Gepäck würden wir es sonst nie rechtzeitig durch die verwinkelte, überfüllte Altstadt schaffen. Also gleiten wir los – durch Menschenmengen, Kopfsteinpflaster und das letzte bisschen Zeit.
Wir werfen die Roller vor dem Bahnhof ab, rennen durch die Halle, vorbei an Bäckereien, an eiligen Menschen und noch eiligerem Puls.
Noch eine Minute bis Abfahrt.
„Hoffentlich nicht Gleis 12 oder so!“ ruft Daniel.
Es ist Gleis 14.
Wir sprinten. Der ICE steht schon da. Eine ältere Dame hebt langsam ihren Koffer über die Stufe. Wir zwängen uns vorbei, murmeln kurz "Entschuldigung" und springen in den Zug.
Die Tür schließt sich hinter uns.
Ein kurzes Zischen.
Dann setzt sich der Zug in Bewegung.
Und wir stehen da völlig außer Atem.
Unsere Blicke treffen sich und wir müssen grinsen.
Wir haben es tatsächlich geschafft.
Im ICE angekommen, haben wir zum ersten Mal Zeit, unsere Gedanken zu sortieren. Es ist unsere zweite Balkanreise innerhalb von zwei Monaten – ein Umstand, der so eigentlich nicht geplant war.
Daniel ist im Sommer alleine mit dem Rad nach Albanien gefahren - und seitdem hat ihn das Balkanfieber nicht mehr losgelassen. Er wollte, dass ich verstehe, was ihn so bezaubert hat - also haben wir uns im Dezember einen 10-Tage-Interrailpass gekauft und sind damit von Österreich über Ungarn bis nach Rumänien gereist. Es war eine dichte, weite, manchmal erschöpfende Reise – aber eine, die schöner nicht hätte sein können.
Eigentlich wollten wir danach noch ein paar übrig gebliebene Reisetage nutzen, um Silvester bei Daniels Bruder und dessen Freundin in den Niederlanden zu verbringen. Doch irgendwann, mitten zwischen Verbindungssuche, Bahnsteigwechsel und den typisch unverständlichen Regeln des Interrail-Kosmos, stellten wir fest: ganz so einfach, wie wir uns das vorgestellt hatten, ist es dann doch nicht.
Denn leider folgt Interrail seinen eigenen Regeln: Pro Pass gibt es immer nur zwei sogenannte „Heimatland-Reisetage“ – und die hatten wir beide schon verbraucht, als wir über Weihnachten nach Deutschland zurückgefahren sind. Um dennoch nach Holland zu kommen, mussten wir also einen weiteren Interrailpass kaufen. Nur für die zwei zusätzlichen Deutschland-Tage. Klingt verrückt. War es auch.
Jetzt sitzen wir also da – mit zwei halbvollen Pässen, einem einzigen, noch verbleibenden Heimreisetag und keiner klaren Idee, wie wir irgendwann wieder zurückkommen sollen. Doch wir wollen diese Pässe nicht verfallen lassen. Und weil ungenutzte Möglichkeiten schwerer wiegen als überstürzte Entscheidungen, steigen wir noch einmal ein – ein letztes Mal, bevor auch diese Reisetage ablaufen.
Und genau darin liegt das Paradoxe.
Denn wir reisen, weil wir es können. Weil unser Kalender es erlaubt. Weil unser Aufenthaltsstatus uns nicht limitiert. Weil wir keine Visa beantragen müssen, keine Grenzkontrollen fürchten, keine Nachweise erbringen, dass unsere Rückkehr erwünscht ist. Weil wir das Privileg haben, territoriale Grenzen überqueren zu dürfen, ohne dafür kämpfen zu müssen.
Ich denke an unsere Rückfahrt aus Rumänien.
Es war ein typischer, osteuropäischer Nachtzug, enge Abteile, durchbrochener Schlaf.
In unserem Abteil lernten wir einen jungen Mann aus der Ukraine kennen, etwa in unserem Alter, freundlich, und interessiert. Wir sprachen viel über die aktuellen Entwicklungen, über den Krieg und das, was er in diesem Land hinterließ. Alex war schon zwei Mal dieses Jahr nach Ungarn gefahren, hatte Verwandte besucht. Es war nie ein Problem gewesen, hatte er gesagt.
Und dann – irgendwo zwischen Oradea und der Grenze – das abrupte Anhalten. Die Zugbeleuchtung flackerte, Türen wurden geöffnet, Schritte auf dem Gang, Uniformen.
„Pässe, bitte.“
Wir reichten unsere Dokumente durch die Tür – verschlafen, aber ohne Sorge. Zwei deutsche Reisepässe.
Die Grenzbeamten warfen einen Blick darauf und machten weiter.
Doch beim Ukrainer blieben sie stehen.
Diskussionen. Ein Schnauben. Sie verlangten, dass er mitkommt.
Er fragte: warum. Sie gaben keine Antwort. Nur: „Kontrolle.“
Wir hörten ihn noch reden, bitten, ruhig bleiben. Dann verschwand er durch die Tür.
Eine halbe Stunde später baten sie ihn, sein Zeug zu holen. Und dann fuhr der Zug weiter.
Ohne ihn.
Ohne Erklärung.
Ohne, dass jemand protestiert hätte.
Ohne, dass jemand von uns genau wusste, was eigentlich gerade passiert war – und warum wir, mit denselben Rucksäcken, demselben Ziel, demselben Abteil einfach weiterfahren durften, während er auf dem Bahnsteig zurückblieb.
Wir dachten noch einmal daran, wie er erzählt hatte, dass er schon zwei mal in diesem Jahr dort war. Nie hatte es Probleme gegeben. Doch diesmal wussten die Behörden wahrscheinlich, dass die Grenzkontrollen zwischen Rumänien und der EU demnächst fallen würden. Denn obwohl seit Monaten feststand, dass Rumänien und Bulgarien dem Schengen-Raum beitreten würden, hatte sich die ungarische Regierung bis zuletzt systematisch gegen diesen Schritt gewehrt.
Und vielleicht war genau das hier ihr letztes Auskosten der Kontrolle.
Ein letzter, symbolischer Akt.
Eine letzte Machtdemonstration auf dem Rücken derer, die sich nicht wehren können.
Ich denke oft an diesen Moment. An das mulmige Gefühl, im warmen Zug zu sitzen, während draußen jemand zurückgelassen wurde – nicht, weil er etwas getan hätte, sondern weil sein Pass weniger wert war.
Weniger wert als unserer.
Als wäre Menschenwürde ein Eintrag in einer Datenbank.
Und plötzlich wirkt unsere Bewegungsfreiheit nicht mehr wie ein Geschenk, sondern wie ein Privileg, das umso fragwürdiger wird, je reibungsloser es funktioniert.
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