„Just Work It“ – Warum wir Angst vor Nähe haben, aber nicht vor 60-Stunden-Wochen
Warum fällt es uns so viel leichter, uns der Arbeit zu verschreiben als einem Menschen? In diesem Text gehe ich auf den Grund, warum Nähe oft bedrohlicher wirkt als Leistungsdruck – und warum Bindungsangst vielleicht weniger mit persönlichem Versagen als mit einem kaputten System zu tun hat. Eine kritische Reflexion über Liebe, Leistung und das Gefühl, nicht genug zu sein.
ESSAYS UND GEDANKENPOLITIK & GESELLSCHAFT
2/5/20253 min read
Es gibt ein merkwürdiges Paradoxon in unserer Gesellschaft: Wir haben Angst vor Nähe, aber keine Angst davor, uns für Arbeit und Leistung kaputtzumachen.
Viele Menschen mit Bindungsangst erleben Beziehungen als Bedrohung – als etwas, das ihre Unabhängigkeit gefährdet, das Erwartungen an sie stellt, das sie in eine Position bringt, in der sie sich rechtfertigen, anpassen oder verändern müssen. Nähe fühlt sich für sie nicht wie etwas Selbstverständliches an, sondern wie eine Herausforderung, die sie irgendwie „handeln“ müssen. Gleichzeitig sehen wir aber, dass viele dieser Menschen völlig problemlos immense Verantwortung in anderen Lebensbereichen übernehmen: Sie arbeiten sich kaputt, übernehmen Führungspositionen, optimieren ihren Körper, ihre Finanzen, ihre Zeit – und all das, ohne auch nur einmal innezuhalten und sich zu fragen, warum sie ausgerechnet da keine Angst vor Commitment haben.
Wieso ist es leichter, sich einer Firma zu verschreiben als einem Menschen? Wieso ist es selbstverständlich, dass wir unsere gesamte Energie in Produktivität stecken, während Beziehungen als potenziell einengend und gefährlich wahrgenommen werden?
Ein Grund dafür ist, dass unser Wirtschaftssystem keine stabile, sichere Bindung belohnt – sondern Leistung. Wer sich in Beziehungen einlässt, macht sich verletzlich. Es gibt keine Garantie, dass der andere bleibt, dass man nicht irgendwann verletzt oder verlassen wird. Wenn man es rein quantitativ ausrechnet, sind Beziehungen sogar sehr unwirtschaftlich – sie kosten Zeit, man verfügt über weniger geografische Flexibilität bezüglich Jobangeboten und darüber hinaus erfordert die Pflege einer Beziehung oft emotionale Investition, die sich nicht direkt in Geld umwandeln lässt. Natürlich kann man dieses Geld durch Steuerersparnisse vielleicht irgendwann wieder einholen, aber wenn wir die ganzen gesundheitsprotektiven Faktoren von Beziehungen in dieser Betrachtung mal außen vorlassen, ist eine Beziehung kurzfristig betrachtet ein echtes Minusgeschäft. Doch wenn du dich in deine Arbeit stürzt, bekommst du ein klares Feedback: Wenn du arbeitest, bekommst du Geld. Wenn du dich anstrengst, bekommst du Anerkennung. Wenn du funktionierst, wirst du als wertvoll betrachtet.
Diese Logik führt dazu, dass viele Menschen – insbesondere Männer – ihr Sicherheitsgefühl nicht aus zwischenmenschlichen Beziehungen beziehen, sondern aus ihrer Fähigkeit, Leistung zu bringen. Sie lernen früh, dass sie „genug sein“ können, wenn sie hart arbeiten, wenn sie erfolgreich sind, wenn sie sich beweisen. Aber niemand bringt ihnen bei, dass es auch okay ist, einfach nur geliebt zu werden – ohne etwas dafür leisten zu müssen.
Bindung fühlt sich deshalb oft unsicher an, weil sie nicht mit den gleichen klaren Regeln funktioniert wie Arbeit. Du kannst in eine Beziehung all deine Energie investieren, und trotzdem kann es passieren, dass sie nicht funktioniert. Du kannst alles „richtig“ machen und trotzdem verlassen werden. Und für Menschen, die in einem leistungsorientierten System groß geworden sind, in dem Anstrengung und Erfolg immer direkt miteinander verknüpft sind, ist das schwer zu ertragen.
„Wer gelernt hat, dass Leistung Sicherheit bringt, wird Nähe als Kontrollverlust empfinden“
Viele Menschen mit Bindungsangst sind regelrecht süchtig nach Selbstoptimierung. Sie suchen nach der perfekten Morgenroutine, nach dem besten Work-Life-Balance-Konzept, nach Wegen, um ihr Leben maximal effizient zu gestalten. Aber was passiert, wenn sie in eine Beziehung kommen? Plötzlich gibt es keine klaren Regeln mehr, keinen linearen Fortschritt, keine Garantie, dass ihre Mühe direkt eine Belohnung bringt.
Und das macht Angst.
Weil es bedeutet, dass sie sich auf etwas einlassen müssen, das sich nicht kontrollieren lässt. Sie können sich auf die Arbeit konzentrieren und werden dafür bezahlt. Sie können ins Fitnessstudio gehen und sehen nach ein paar Wochen Fortschritte. Aber sie können sich nicht „sicher genug“ in eine Beziehung investieren, um zu garantieren, dass sie niemals verletzt werden.
Viele Menschen mit Bindungsangst spüren genau diesen Kontrollverlust – und statt ihn auszuhalten, flüchten sie in das, was sie kontrollieren können. Sie flüchten in ihre Arbeit, in ihre Karriere, in ihre Projekte. Sie sind loyal gegenüber ihren Jobs, aber ambivalent in Beziehungen. Sie opfern sich für ihren Arbeitgeber oder ihre Selbstständigkeit auf, aber haben Angst, sich emotional wirklich für eine Person zu entscheiden.
Und es ist kein Zufall, dass genau das in einem kapitalistischen System gefördert wird. Denn Menschen, die keine stabilen Beziehungen haben, sind produktiver. Sie können jederzeit Überstunden machen, ihre gesamte Identität in ihre Arbeit stecken, sich anpassen und immer weiter optimieren – weil sie nirgendwo sonst ein Gefühl von Sicherheit haben.
Das bedeutet aber auch: Sich auf eine Beziehung wirklich einzulassen, ist in diesem System ein radikaler Akt.
Es bedeutet, sich der Idee zu widersetzen, dass unser Wert an Leistung geknüpft ist. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass wir geliebt werden können, ohne perfekt zu sein. Dass wir Nähe nicht erst verdienen müssen. Dass wir genug sind– einfach so, ohne wir uns „beweisen“ müssen.
Aber dafür braucht es Mut.
Und genau das ist die eigentliche Herausforderung für Menschen mit Bindungsangst: Nicht, sich zu optimieren. Nicht, noch mehr über ihre unsere optimierungsbedürftigen „Probleme“ nachzudenken. Sondern den Mut zu haben, sich wirklich darauf einzulassen, dass Liebe nicht nach den Regeln von Leistung funktioniert. Dass man nicht perfekt sein muss, um Nähe zu verdienen.
Vielleicht ist das die eigentliche Systemkritik, die ich hier formulieren könnte: Dass Bindungsangst nicht nur ein persönliches Problem ist, sondern ein Symptom einer Gesellschaft, die uns beigebracht hat, dass wir uns alles erarbeiten müssen – selbst Liebe.
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