Fünf Finger

Was zählt eigentlich als sexualisierte Gewalt – und wer entscheidet das? In diesem Text geht es um Grauzonen, um das Aushalten unangenehmer Situationen, um das Funktionieren, das viele von uns gelernt haben. Um Situationen, die nicht laut waren, aber trotzdem übergriffig. Und um die Frage, warum wir so oft erst im Nachhinein merken, dass es zu viel war.

POLITIK & GESELLSCHAFTESSAYS UND GEDANKEN

8/11/20233 min read

Streck die Hand aus, schau sie dir an. Nimm einen Finger runter, wenn:

1. Du dich nachts auf dem Heimweg unwohl gefühlt hast, weil jemand dich verfolgt oder angestarrt hat.
2. Du in einer Situation gelächelt hast, obwohl du dich unwohl gefühlt hast – weil es einfacher war, als etwas zu sagen.
3. Du schon einmal einen sexuellen Kommentar bekommen hast, den du nicht wolltest.
4. Jemand deine Grenzen übergangen hat, aber du es heruntergespielt hast, weil du dachtest, es wäre nicht „schlimm genug“.
5. Du Sex mit einer Person hattest, obwohl du eigentlich nicht wolltest.

Wir sitzen in Ciaras Küche. Es ist spät, irgendwann dreht sich das Gespräch um sexualisierte Gewalt. Zahlen, Statistiken, Wahrscheinlichkeiten. Scheinbar gibt nur jede zweite Frau an, in ihrem Leben bereits sexuell belästigt worden zu sein.

Die Kritik an dieser Studie gibt es seit Jahren. Allein schon die Frage, was eigentlich als sexualisierte Belästigung gilt, ist komplex – und vielleicht muss sie das sein. Denn sobald wir anfangen, sie klar zu definieren, setzen wir eine Grenze, die in Wirklichkeit fließend ist.

Trotzdem verneinen viele Frauen die Frage danach, ob sie jemals sexuelle Belästigung erlebt haben. Aber wenn wir anders fragen – ob es schon Momente gab, in denen sich jemand in der U-Bahn unnötig nah vorbeigeschoben hat, ob sie jemals ungefragt sexuelle Kommentare erhalten oder Dickpics bekommen haben – ändert sich die Antwort. „Oh, das zählt auch?“

Wir haben gelernt, all das auszuhalten. Dass es unsere Aufgabe ist, uns nicht so anzustellen, nicht empfindlich zu sein. Dass wir still bleiben sollen. Keine Szene machen. Nett sein, lächeln, aussteigen, schneller gehen. Und wenn wir dann doch einmal sprechen, wenn wir doch sagen, dass es uns getroffen hat, wird uns vorgeworfen, dass wir ja hätten widersprechen, dass wir ja hätten weggehen, dass wir ja hätten nein sagen können. Als wäre das so einfach.

Das ist das Paradoxe daran. Ich kritisiere eine Studie dafür, dass sie sexualisierte Belästigung zu eng fasst und damit die Zahlen nach unten treibt. Gleichzeitig sage ich, dass jede Person selbst definieren sollte, was für sie sexualisierte Gewalt bedeutet. Vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht ist es genau diese Unklarheit, die es so schwer macht, darüber zu sprechen. Denn wenn wir kein klares Bild davon haben, was zählt und was nicht, dann bedeutet das auch, dass wir es immer wieder neu aushandeln müssen. Mit uns selbst, mit anderen, mit einem System, das ohnehin darauf ausgelegt ist, uns in Frage zu stellen.

Jule sagt, dass jede weiblich gelesene Person mindestens einmal in ihrem Leben nicht einvernehmlichen sexuellen Kontakt hatte.

Schon der Begriff „sexualisierte Gewalt“ ist assoziativ betrachtet schwierig, weil er für viele Bilder von physischen Übergriffen, fixierten Handgelenken, Schreien und Schlägen hervorruft.

Aber Gewalt ist nicht nur das, was sich in blauen Flecken zeigt. Gewalt ist auch das, was sich im Schweigen abspielt. Im Einfrieren. In dem Moment, in dem der eigene Körper nach außen funktioniert, obwohl im Inneren alles in Widerstand steht. In dem Moment, in dem wir es einfacher finden, nichts zu sagen. Weil wir gelernt haben, dass es keinen Unterschied macht.

Ich denke nach. Wie oft hatte ich schon Sex, obwohl ich nicht wollte? Nicht, weil ich Angst hatte, nicht weil ich gezwungen wurde – sondern weil es einfacher war. Weil es von mir erwartet wurde. Weil ich dachte, dass es jetzt eben dazugehört. Weil ich es nicht begründen konnte, weil ich selbst nicht verstanden habe, warum ich nicht wollte, weil „ich will nicht“ mir als Grund nicht gereicht hat.

Wie oft habe ich den Kuss erwidert, die Hände auf meinem Körper zugelassen, obwohl mein Kopf nur eine einzige, klare Stimme hatte: Nein. Wie oft habe ich es mir erst im Nachhinein eingestanden? Wie oft war ich mir erst sicher, dass ich es nicht wollte, als es längst passiert war?

Das ist das eigentlich Grausame daran: Dass es passiert, ohne dass es sich wie ein klarer Moment anfühlt. Dass wir so gut darin geworden sind, zu funktionieren, dass wir nicht einmal mitbekommen, wann wir übergangen werden – nicht von anderen, sondern von uns selbst.

Das sind die Fragen, die schwerer wiegen als jede Statistik. Weil sie nicht mit Ja oder Nein zu beantworten sind. Weil sie nicht nur von dem handeln, was passiert ist – sondern auch von dem, was wir gelernt haben, zu ertragen.