Eine Wissenschaft für Männer, in der Frauen unsichtbar sein müssen

Die Medizin nimmt den männlichen Körper als Maßstab – und erklärt alles Andere zur Abweichung. In diesem Beitrag möchte ich einen Blick auf die androzentrischen Strukturen der medizinischen Lehre werfen. Auf den alltäglichen Sexismus in Hörsälen und Prüfungen, die Schieflage in Führungspositionen – und auf das Machtgefüge, das sich hinter vermeintlich neutralen Normen verbirgt. Denn was als Standard gilt, ist nicht naturgegeben. Es ist eine Entscheidung. Und Entscheidungen lassen sich ändern.

MEDIZIN & WISSENSCHAFTESSAYS UND GEDANKEN

11/19/20223 min read

Die Medizin nimmt den Mann als Ausgangspunkt. Er ist der Maßstab, die Referenz, die stillschweigende Norm. Ein gesunder 25-jähriger Mann, 175 cm groß, 70 kg schwer – das ist der Körper, auf den sich Werte stützen, Normbereiche definieren, Dosierungen berechnen.

Frauen hingegen werden als Abweichung von dieser Norm erachtet. Ihr Körper funktioniert anders, ist hormonell zyklisch, reagiert anders auf Medikamente, zeigt andere Symptome – doch das ist nicht der Ausgangspunkt, sondern die Variable, die es zu rechtfertigen gilt.

Das ist kein individuelles Versäumnis einzelner Dozenten, es ist eine jahrhundertealte Struktur, die sich bis in die Lehrbücher zieht. Ein System, das den männlichen Körper als Standard etabliert hat und alles andere als Sonderfall behandelt. Dabei gibt es kaum ein medizinisches Feld, das nicht von geschlechtsspezifischen Unterschieden geprägt ist. Frauen haben ein anderes Schmerzempfinden, ein anderes Herzinfarktrisiko, eine andere Metabolisierung von Medikamenten – doch diese Unterschiede sind in den Grundlagenvorlesungen selten mehr als eine Randnotiz. Erst in der Spezialisierung, wenn es um Gynäkologie oder Endokrinologie geht, wird der weibliche Körper sichtbar. Davor existiert er nur als Störfaktor der Statistik.

Das geht über medizinische Daten hinaus. Es geht um eine Haltung, die tief in der akademischen Lehre verwurzelt ist. Dozenten, die sich bewusst und mit sichtbarem Vergnügen sexistischen Kommentaren hingeben, die ihre Vorlesungen mit Männern als Publikum konzipieren und Frauen in ihrer Anwesendheit spüren lassen, dass sie geduldet, aber nicht gemeint sind. Es beginnt mit einem Diagramm ohne Achsenbeschriftung, begleitet von der Bemerkung, „damit sich die Damen der Schöpfung nicht wieder beschweren, folgt nun die Beschriftung“, und setzt sich in Prüfungen fort, in denen Studentinnen anders behandelt werden – leichter befragt, wenn sie attraktiv sind, strenger geprüft, wenn sie es nicht sind.

Diese Mechanismen sind kein Zufall. Sie sind eine Reaktion auf Veränderung. Die Medizin war lange Zeit eine Männerdomäne. Das ist sie heute nicht mehr. Fast 70 Prozent der Medizinstudierenden sind inzwischen Frauen. Doch an den Lehrstühlen sitzen größtenteils noch immer Männer. Männer, die sich in ihrer Deutungshoheit bedroht fühlen, die ihren Einfluss schwinden sehen, die mit wachsender Unsicherheit auf eine Generation von Frauen blicken, die sich nicht mit der Rolle der stillen Mitläuferin begnügt. Und so klammern sie sich an das, was ihnen bleibt: Sexismus als Machtdemonstration.

Es ist kein Zufall, dass genau jetzt Stimmen laut werden, die eine Männerquote im Medizinstudium fordern. Jahrzehntelang war es selbstverständlich, dass Frauen es schwerer hatten, einen Studienplatz zu bekommen, schwerer hatten, sich in der akademischen Medizin durchzusetzen, schwerer hatten, eine Führungsposition zu erreichen. Doch jetzt, wo sich das Blatt wendet, wo Frauen sich gegen die Barrieren durchsetzen, die sie lange zurückgehalten haben, wird plötzlich Gleichberechtigung als Argument bemüht. Jetzt ist es eine „Zumutung“, dass männliche Bewerber sich gegen eine Mehrheit an hochqualifizierten Frauen behaupten müssen. Dass Leistung auf einmal zählt, nicht Geschlecht. Dabei war es nie das Geschlecht, das Frauen bevorzugt hat. Es war immer Leistung, die sie sich gegen strukturelle Widerstände erkämpfen mussten.

Diese Mechanismen greifen weit über den Hörsaal hinaus. In Klinikleitungen, in Fachgesellschaften, in Netzwerken, die Karrieren ermöglichen oder verhindern. Frauen in der Medizin stehen vor der Wahl: Sich anpassen, sich einfügen, sich mitgemeint fühlen, oder unbequem sein. Die Quotenfrage ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Denn während Männerquoten als Schutzmaßnahme für ein angeblich bedrohtes Geschlecht diskutiert werden, werden Frauenquoten als unverdiente Bevorzugung verachtet.

Das Argument gegen Frauen in Führungspositionen ist immer dasselbe: Sie könnten ja Kinder bekommen. Als wäre die Möglichkeit einer Schwangerschaft ein Makel. Als wäre Mutterschutz ein wirtschaftliches Risiko. Als wäre nicht jede Form der Karriere eine individuelle Entscheidung und nicht jede Frau automatisch Mutter. Gleichzeitig wird stillschweigend vorausgesetzt, dass Männer keine Elternzeit nehmen, keine Karrierepausen einlegen, keine Verantwortung für Familie übernehmen. Sie sind die Norm – und die Norm geht arbeiten.

Dieser strukturelle Androzentrismus zeigt sich nicht nur in Zahlen, sondern auch in Sprache. Das generische Maskulinum ist das sichtbarste Beispiel dafür. Es ist das sprachliche Äquivalent zum männlichen Normkörper. Frauen sind mitgemeint, aber nicht benannt. Sie sind anwesend, aber nicht adressiert. Und wenn sie darauf bestehen, sichtbar zu sein, ist das plötzlich eine Zumutung. Ein Binnen-I ist unästhetisch, das Gendersternchen überflüssig, die weibliche Form störend. Aber was sagt das über eine Gesellschaft aus, in der allein die Erwähnung von Frauen als belastend empfunden wird?

Die Medizin ist nur ein Spiegelbild dieser Strukturen. Doch wer in dieser Disziplin arbeitet, wer sie mitgestaltet, wer Studierende prägt und Wissen weitergibt, entscheidet mit, ob diese Strukturen aufgebrochen oder weiter zementiert werden. Es gibt keinen objektiven Grund, warum der Mann die Norm bleiben sollte. Es gibt keinen Grund, warum Frauen in der akademischen Medizin mit subtilen und offenen Machtdemonstrationen klein gehalten werden sollten. Und es gibt keinen Grund, warum das so bleiben muss.

Denn Normen sind nicht naturgegeben. Sie werden gemacht – und sie können verändert werden.