two cups of coffee on a tray on a table

Ein Flughafen, zwei Nächte und 600 Euro – oder auch: ein Tag zu viel, ein Flug zu wenig.

Zwei Tage gestrandet zwischen Flughafengängen, goldverzierten Bettenbunkern und wortlosen Omi-Revolten: Ich erzähle über verpasste Flüge, spontane Bekanntschaften und das absurde Paralleluniversum, das entsteht, wenn man zwischen zwei Orten festhängt – und trotzdem irgendwie weiterkommt.

REISETAGEBUCH

9/26/20247 min read

Das „Denied Boarding“-Büro liegt in diesem Niemandsland aus Neonlicht und Rollbändern, in dem Müdigkeit sich zwischen den Möbeln sammelt wie abgestandene Luft. Ich trete ein und merke, dass ich doch nicht die Einzige bin. Ein weiterer Passagier hat sich freiwillig gemeldet, scheinbar einige Momente vor mir. Schneller in der Entscheidung, vielleicht auch erfahrener darin, Situationen wie diese zu seinem Vorteil zu drehen.

Sipan ist klein, quirlig und redet viel. Er ist genau das, was ich gerade brauche.

„600 Euro, das konnte ich mir nicht entgehen lassen“, erklärt er grinsend.

Ich nicke. „Tja. Und jetzt?“

Die Airline-Mitarbeiter füllen auch seine Papiere aus, dann wollen sie uns zum Hoteldesk begleiten. Aber dieses Spiel habe ich letzte Nacht schon durchgespielt. Die Reihenfolge der Bürokratiepunkte, die labyrinthischen Gänge zwischen den Duty-Free-Paradiesen, all das kenne ich bereits. Also bahnen wir uns selbst den Weg.

Wir schlängeln uns durch die Passkontrolle und stellen uns beim erstbesten Schalter an, bis mich eine knochige Hand von hinten antippt. Ich drehe mich um und blicke in ein Meer aus Falten und Entschlossenheit. Zehn muslimische Omas – alle im selben missionarischen Eifer, sich an mir vorbeizuschieben. „Yallah yallah“, ruft eine von ihnen, bevor zwei die Gelegenheit nutzen und an mir vorbeirauschen.

„Was ist das?“, frage ich Sipan, während eine weitere Großmutter sich in die Frontreihe manövriert und damit beginnt, mit dem Passbeamten über das unausweichliche Schicksal ihrer Dokumente zu verhandeln.

„Keine Ahnung, aber genau deshalb reise ich so ungern über die Türkei. Das ist immer alles entweder absolute Anarchie oder dir teilt einfach niemand die Spielregeln mit.“

Ich bin zu entrüstet, um es lustig zu finden. Der Passbeamte zeigt mit einem müden Nicken auf das Schild über ihm. Ich folge seinem Blick. Ah. Wir stehen in der Schlange für Gehbehinderte, Menschen über 70 und sonstige Fälle, die unter die Kategorie „besondere Umstände“ fallen.
Mist. Die Omis hatten recht damit, uns auszudribbeln. Wir sind in ihre Welt eingebrochen, nicht umgekehrt.

Zurück in der regulären Passkontrolle mustert der Beamte meinen Pass, dann mich, dann wieder den Pass. Er runzelt die Stirn, dreht das Dokument in seinen Händen, als hätte ich ihm gerade eine mathematische Gleichung anstelle eines Reiseausweises überreicht.
„Why is there an exit-stamp with today’s date?“

Ich erkläre es ihm. Überbuchter Flug. Neuer Abflug morgen. Ich bin hier, weil ich keine andere Wahl habe, als wieder einzureisen.

Er schaut mich an, als würde er mir zutrauen, eine Person zu sein, die aus Spaß Ländergrenzen testet. „After a denied boarding you have to go to the line for old and invalid people.“

Sipan und ich tauschen einen Blick aus, der irgendwo zwischen genervt und ungläubig liegt. Genau da kamen wir doch gerade her. Genau da wurden wir von den Omis abgedrängt, von diesem Beamten ignoriert, während die Horde Rentnerinnen sich mit schierer Willenskraft an uns vorbeimanövriert hat.

Ich atme tief durch, setze mein bestes „Ich weiß genau, was ich hier tue“-Gesicht auf und marschiere zurück zum besagten Schalter. Dieses Mal mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre das von Anfang an mein Plan gewesen.

Der Beamte dort schaut mich an, als hätte ich ihm gerade einen freien Nachmittag gestrichen. „Where is your copy?“
„Which copy?“
„The copy of passport. With declaration of airline. Why you reentry the country?“

Ich spüre, wie meine letzte Geduldsreserve einen leisen Tod stirbt. Natürlich. Natürlich gibt es noch ein Dokument, das ich nicht habe. Trotz all des Papierkrams, den ich mittlerweile in meiner Tasche sammele wie andere Leute Flugmeilen.

Sipan seufzt. „Wir hätten einfach fliegen sollen.“
„Ja, ich bereue es auch gerade sehr.“

So chaotisch, wie hier alles läuft, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir die ersten sind, denen der Boardingprozess aus irgendeinem Grund verweigert wurde – Verspätung, abgelaufener Reisepass, überbuchter Flieger, irgendwas ist ja immer.

Wir können eigentlich gar nicht die einzigen sein. Denn schließlich gibt es sogar ein eigenes Büro für gestrandete Passagiere. Und trotzdem stehen wir hier, als hätten wir gerade eine völlig absurde Sonderanfrage gestellt.

Es wird viel telefoniert. Gesichter verdüstern sich, genervte Blicke fliegen hin und her. 20 Minuten später schlurft unser alter Bekannter vom Gate wieder heran. Mit demselben müden Gang, denselben gelangweilten Augen. Er nimmt unsere Pässe entgegen, dreht sich wortlos um und trottet los.

Auf der Suche nach einem Kopiergerät.

**

Weitere zehn Minuten später taucht er wieder auf. Unsere Pässe in der einen Hand, zwei Zettel in der anderen.
„Overbooked Flight. Turkish Airlines.“
Wirklich? Dafür haben wir jetzt eine halbe Stunde gewartet?

Der Passbeamte nimmt die Dokumente mit der Motivation eines Mannes entgegen, der seine Arbeit gerade noch erträgt. „Cancelled“ prangt nun dick und rot über meinem Ausreisestempel.

Ein neuer Tag in der Türkei.
Einer, den ich nicht geplant hatte.
Einer, der sich jetzt schon zieht.

Am Hoteldesk stoßen wir auf einen Japaner, der ebenfalls seinen Anschlussflug verpasst hat. Die Gemeinschaft der Gestrandeten wächst. Wir gehen zusammen zur nächsten Ecke und blicken auf eine Schlange, die sich in Windungen durch den Raum zieht. Eine endlose Kette aus gestrandeten Reisenden, jeder mit seinem eigenen Grund, heute nicht dort zu sein, wo er eigentlich sein wollte.

Diese Airline ist ein Witz. Wie haben die es mehrfach hintereinander geschafft, den Preis für besten Service zu gewinnen? Wer vergibt diese Preise? Haben die Tester jemals einen Fuß in diesen Flughafen gesetzt?

**

Stunden später hält der Shuttlebus endlich vor dem Hotel. Ich bin irgendwann auf dem Weg dorthin eingeschlafen, doch die Fahrt hat sich trotzdem doppelt so lang angefühlt wie gestern.

Und es ist nicht dasselbe Hotel.
Es ist ein riesiger Bettenbunker an der entgegengesetzten Küste de Landes, irgendwo zwischen Flughafen und Nirgendwo. Ein Monster aus Marmor und Goldverzierung, das für Menschen gebaut wurde, die ihren Luxus in Quadratmetern messen.

„Also in die Stadt fahren wir morgen wohl nicht mehr.“ Ich schaue auf die Landkarte.
„Schade. Ich hätte den Taksim-Platz gerne gesehen“, sagt Sipan.

Aber was soll’s. Wir sind hier, nicht dort.

Der Check-in dauert eine Ewigkeit. Jeder Gast wird mit einer Langsamkeit abgefertigt, die Zeit neu definiert. Ich lasse mich irgendwann auf ein Sofa fallen und starre an die Decke. Ein Kronleuchter hängt dort, filigran und absurd groß. Wie lange sie wohl gebraucht haben, um ihn an diesem dünnen Glasdach zu befestigen? Wie viele Menschen wohl in Schwindel erregenden Höhen standen, um sicherzustellen, dass dieser Ort bis ins letzte Detail protzig genug ist?

Es ist wieder fünf Uhr morgens.
Wieder ein Zimmer, wieder ein Bett.
Diesmal zwei weitere Zierkissen. Ich muss lachen.

**

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es fast halb zehn. Der Plan, möglichst viel vom Tag zu nutzen, ist schon vor dem ersten Kaffee gescheitert.

Doch das Frühstück macht alles wieder wett. Es ist ein kleines kulinarisches Wunderland.
Wieser ürkische Oliven, Kartoffelsalat, gefüllte Paprika, ein Walnuss-Dip, in den ich mich ohne zu zögern hineinlegen könnte.

Nach dem Essen folgt die Frage: Was jetzt?

Ich unterhalte mich mit einer Gruppe Siemens-Ingenieure, die hier für sechs Wochen einquartiert wurden. Sechs Wochen. In diesem Nichts. Ich frage, ob es in der Umgebung irgendetwas Sehenswertes gibt. Sie lachen.
„Nein.“

Ein Taxi in die Innenstadt? 78 Euro – pro Strecke.
Die nächste Kleinstadt? Zwanzig Kilometer entfernt.

Dann also: Pooltag mit Buch.

**

Pooltag klingt nett. Aber als ich mein Handgepäck in Deutschland gepackt habe, war keine zweitägige Zwangspause in der Türkei eingeplant – und erst recht kein Badeanzug.

Mein großes Gepäck ist immer noch am Flughafen, also laufe ich durch die kleine Ansammlung an Häusern um das Hotel, in der Hoffnung, irgendwo einen konservativen Badeanzug zu finden. Ein langer, schwarzer Stoff, der alles bedeckt. Irgendetwas.

Doch was ich finde, ist das genaue Gegenteil.

Neonfarbene Bikinis. Spitze, Perlen, Glitzer. Alle in Kindergrößen.
Wer soll das tragen? Barbie und ihre Freundinnen?

Ich frage nach größeren Größen. Der Verkäufer versteht mich nicht.
Ich deute auf meine Hüften und mache eine Geste, als würde ich sie auseinanderziehen.
„Aaah! No. Everything I have.“

Am Ende finde ich zwei Teile, die halbwegs passen könnten. An der Kasse will ich mit Karte zahlen – und lege damit das komplette System lahm.

Es folgt eine Kettenreaktion aus Telefonaten. Erst mit der Familie des Verkäufers, die gerade Mittag isst. Dann mit ihm selbst, der irgendwo Auto fährt und sich hörbar auf alles andere konzentriert als auf das Gespräch. Zehn Minuten, zehn Anläufe. Dann piept das Lesegerät.

Ich kann meine PIN eingeben.

Kaum zu glauben, dass ich Europa eigentlich noch nicht verlassen habe.

**

Der Pooltag ist ereignislos.
Die Ingenieure hören sentimentalen Pop. Ich schlafe.

Am Abend erzählt Steve von einer Party. Er hat mit einer Hotelangestellten gesprochen, aber es gab wohl eine gewisse Sprachbarriere. Er weiß nicht genau, was es für eine Party ist. Nur, dass es eine gibt.

„Sounds interesting“, murmelt Graham. Und klingt dabei so interessiert wie eine Zimmerpflanze.

Ich frage mich, wie es sein muss, dieses Leben zu führen. Sechs Wochen am Stück in toten Bettenbunkern. Fern von allem, was Leben hat. Und das spannendste Ereignis der Woche ist eine Hotelparty mit maximal zwanzig Leuten.

Steve erzählt mir von seiner Freundin. Sie ist schwanger. Die halbe Schwangerschaft wird er verpassen.

**

Später versucht er, sich auf die Party zu schleichen.
Er wird rausgeschmissen.

„Staff only.“

Die Sprachbarriere hat wohl ein entscheidendes Detail ausgelassen.

„I mean, you are living here for six weeks. They are basically your family now“, gebe ich zu bedenken.

Aber er gibt auf.
Er wünscht mir eine gute Reise und mahnt mich, mich in Jakarta nicht überfahren zu lassen.

**

Mit Sipan und Kohei geht es zurück zum Flughafen. Mal schauen, was Turkish Airlines diesmal für uns bereithält.

„Ich will nicht schon wieder erst um fünf ins Bett. 600 Euro hin oder her. Außerdem stinken meine Socken mittlerweile echt hart.“
„Meine Frau killt mich, wenn ich schon wieder nicht im Flieger sitze.“

Wir sind uns einig: Das machen wir nicht nochmal.

„Stell dir vor, wir würden das einen Monat lang jeden Tag machen. Wären immerhin 18.000 Euro“, überlegt Sipan.
„Ja, aber das bedeutet auch, du würdest zweimal täglich dasselbe trockene Hähnchen mit Reis essen. Willst du das wirklich?“
„Naja, du hattest Pizza.“
„Ich hab meinen Vegetarier-Status genutzt, um zu verhandeln.“
„Nicht fair. Du kanntest alles schon aus der Nacht davor, das ist Vorsprung.“

Wir denken, wir hätten das System durchschaut und laufen ohne offizielle Verkündung direkt zu Gate D16. Sipan lädt mich auf eine Cola ein.

„Ich hab doch nichts gemacht“, sage ich.
„Doch! Ohne dich hätte ich nicht mal die Mühe gemacht, die Passkontrolle zu verlassen und hätte wahrscheinlich den ganzen Tag am Flughafen verbracht.“

Ich nehme die Cola.

23:50 Uhr. Das Gate wird offiziell verkündet.
F15. Nicht D16. Ups.

Schneller Schritt ans andere Ende des Flughafens.

Dann: Der Gang ins Flugzeug.

Ich kann es kaum glauben.
Es geht endlich los.