Dr. med: Ein unethisches Spiel mit Träumen

Der Dr. med. wird oft als akademisches Prestigeobjekt betrachtet – doch hinter dem Titel steckt ein System, das junge Medizinstudierende viel zu oft in unethische Arbeitsverhältnisse drängt. Während manche in wenigen Wochen eine retrospektive Statistik auswerten, schuften andere jahrelang an experimentellen Tierversuchsprojekten – ohne Bezahlung, ohne klare Betreuung, oft ohne Aussicht auf Abschluss. Dass der Dr. med. wissenschaftlich nicht dem Dr. rer. nat. entspricht, ist bekannt. Umso absurder ist es, dass er trotzdem unter Bedingungen vergeben wird, die einer vollwertigen Forschungspromotion ähneln – nur ohne deren Schutzstrukturen. Es ist Zeit, das System entweder aufzuwerten oder ehrlich zu benennen, was es ist: ein Spiel mit akademischen Erwartungen, das viele enttäuscht zurücklässt.

MEDIZIN & WISSENSCHAFT

3/20/20253 min read

Meine eigene Doktorarbeit begann mit einem glücklichen Zufall: Mein Betreuer hatte eine konkrete Fragestellung, für die er noch jemanden suchte. Wir verbrachten zwei Nachmittage mit klinischen Messungen, die Daten wurden anschließend nach Cambridge zur Auswertung geschickt. Danach folgte eine wissenschaftliche Veröffentlichung, ich schrieb eine Monografie darüber, werde sie bald final kürzen, verteidigen – und dann ist es vorbei. Der ganze Prozess zog sich über drei Jahre, aber es waren keine drei Jahre kontinuierlicher Arbeit. Die meisten Verzögerungen lagen bei mir selbst. Und trotzdem: Ich bin gut und fair weggekommen.

Was ich erlebt habe, ist nicht die Regel. Es ist die Ausnahme.

Für viele andere Medizinstudierende beginnt das Promotionsvorhaben mit einer diffusen Idee, für die es weder Ideen noch ein realistisches Studiendesign gibt. Sie nehmen statistische Arbeiten an, ohne Datensätze. Entwickeln epidemiologische Fragestellungen, ohne je wirklich gelernt zu haben, was das bedeutet. Oder – und das ist das Härteste – sie entscheiden sich für experimentelle Doktorarbeiten, bei denen sie unter Bedingungen arbeiten, die eher nach unbezahltem Praktikum in der präklinischen Forschung klingen als nach wissenschaftlicher Ausbildung.

Experimentelle Doktorarbeiten gelten als die „echten“. Die, bei denen man sich angeblich etwas „aufgebaut“ hat. Die, mit denen man sich das Prädikat „richtig promoviert“ verdient. Ein Sprungbrett für den Einstieg in die klinisch-wissenschaftliche Arbeit. Sie werden dir verkauft als "ein Freisemester ohne Tierversuche – danach bist du fertig“. Die Realität sieht anders aus: Drei Jahre im Labor. Fünf wechselnde Postdocs. Elf Versionen des Versuchslayouts. Dutzende tote Mäuse im Käfig. Und ein Datensatz, der immer noch zu klein ist, um irgendetwas Belastbares daraus zu ziehen.

Die meisten wissen nicht einmal mehr, wann genau sie auf diesen Abweg geraten sind. Denn eigentlich war es anders besprochen. Eigentlich hatten sie sich für etwas anderes committet. Nur dass von diesem „eigentlich“ am Ende nichts bleibt – außer der stillen Frage, wie es passieren konnte,dass sie plötzlich ein halbes Medizinstudium lang an einem Ort arbeiten, den sie sonst nie freiwillig betreten hätten.

Der Dr. med ist kein Dr. rer. nat – und das ist systemisch gewollt
Vergleichen wir ihn mit dem Dr. rer. nat, wird die Absurdität noch klarer. Während naturwissenschaftlich Promovierende über Jahre hinweg fest in ein Forschungsteam eingebunden sind, wissenschaftliche Mitarbeit leisten, dafür bezahlt werden und in ihrem Projekt einen relevanten Beitrag zur Forschung leisten, ist der Dr. med ein Titel im Vorbeigehen – oder ein Spiel mit der Hoffnung.

Wissenschaftlich betrachtet gilt der Dr. med. nicht als vollwertige Forschungsarbeit. Das ist kein persönlicher Angriff – das ist der akademische Konsens. Ein Blick in die Promotionsordnung, die Struktur und die Bewertungskriterien genügt, um das zu verstehen. Während man für den Dr. rer. nat. originäre Forschung mit substantiellen Ergebnissen leisten muss, reicht beim Dr. med. oft die Auswertung eines überschaubaren Datensatzes oder eine retrospektive Analyse.

Der Unterschied ist sichtbar – im Umfang, im methodischen Anspruch, in der Begleitung. Und das ist okay. Denn die medizinische Promotion war nie als gleichwertiges Gegenstück gedacht. Aber genau deshalb sind die Zustände so perfide. Denn das System, das gleichzeitig betont, dass der Dr. med. keine wissenschaftliche Promotion ist, erwartet von manchen Promovierenden trotzdem jahrelange experimentelle Arbeit. Nur ohne Bezahlung. Ohne Absicherung. Und ohne Aussicht auf echten wissenschaftlichen Output.

Gleicher Titel, gleiche Ehre – aber völlig unterschiedliche Realität
Es ist absurd: Jemand, der zwei Monate lang eine epidemiologische Tabelle auswertet, bekommt denselben Titel wie jemand, der über Jahre hinweg täglich ins Tierhaus pendelt, pipettiert, dokumentiert, validiert – oft ohne dass die eigene Arbeit je den Reviewprozess einer internationalen Fachzeitschrift durchläuft. Nicht, weil sie schlecht wäre. Sondern weil sie nie zu Ende geführt werden kann. Weil das Projekt nie richtig geplant war. Weil es keinen Betreuungsschlüssel gibt, der diese Last auffängt. Weil keine Forschungsethikkommission der Welt je diese Arbeitsbedingungen akzeptieren würde – wenn es sich um bezahlte Mitarbeitende handeln würde.

Und das ist das eigentliche Problem: Dass der Dr. med. ein Titel ist, der unter einem Mantel aus akademischem Glanz und gesellschaftlichem Prestige Dinge ermöglicht, die anderswo schlicht unethisch wären. Dass Studierende ausgebeutet werden, weil sie sich davon einen Vorteil versprechen – auf dem Lebenslauf, auf dem Türschild, für die Bewerbung auf den Facharztplatz.

Es ist ein System, das Träume verkauft – und Lebenszeit frisst.

Was sich ändern muss
Wenn wir diesen Zustand ernsthaft reflektieren, gibt es nur zwei ehrliche Wege:

  1. Der Dr. med. muss als akademischer Grad entweder klar definiert und wissenschaftlich aufgewertet werden – mit echten Standards, mit Betreuung, mit Struktur. Oder:

  2. Wir müssen ihn als das benennen, was er aktuell oft ist: eine akademische Fingerübung mit begrenzter Relevanz – und damit auch begrenztem Anspruch.

In beiden Fällen darf das System nicht länger zulassen, dass junge Menschen jahrelang an Projekten arbeiten, für die sie keine fachliche Begleitung, keine strukturelle Absicherung und keine gerechte Anerkennung erhalten. Und wenn es diese Projekte gibt – dann müssen sie wie echte wissenschaftliche Arbeiten behandelt werden: Mit Anstellung, Bezahlung, Supervision, Perspektive.

Denn was derzeit passiert, ist keine Nachwuchsförderung. Es ist akademisch kaschierte Selbstausbeutung.

Ein unethisches Spiel mit Träumen. Und eines, das längst zu viele verloren haben.