Die Illusion vom individuellen Klimaschutz - nicht jeder CO₂-Fußabdruck ist freiwillig
Klimaschutz ist längst zur individuellen Aufgabe gemacht worden – mit CO₂-Rechnern, moralisch aufgeladenen Konsumentscheidungen und dem Gefühl, nie genug zu tun. Doch was, wenn diese Verantwortung nicht nur falsch verteilt, sondern diese Falschverteilung politisch so gewollt ist? In diesem Text spreche ich von individueller Verantwortung, strukturellen Blindstellen – und der Frage, wer sich Klimaschutz überhaupt leisten kann.
POLITIK & GESELLSCHAFT
2/28/20255 min read
Ich weiß nicht, wie oft ich mittlerweile darüber nachgedacht habe, ob ich diesen einen Flug wirklich verantworten kann. Ob ich nicht doch lieber in Europa bleiben sollte. Ob ich mit dem Zug fahren könnte. Oder Trempen. Oder mit weniger.
Und es ist nicht so, dass ich diese Fragen nicht ernst nehme. Ich trage sie mit mir, bevor ich buche, bevor ich packe, bevor ich überhaupt über eine Route nachdenke. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass diese Fragen vor allem eins tun: Sie ermüden. Nicht, weil sie unwichtig wären – sondern weil sie den Fokus verschieben. Und weil sie systematisch falsch gestellt werden.
Die Illusion vom individuellen Klimaschutz
Wir haben gelernt, dass wir die Welt retten können, wenn wir nur ausreichend verzichten. Weniger Fleisch. Weniger Plastik. Weniger Reisen. Weniger Konsum. Weniger, weniger, weniger. Und dann soll am Ende irgendwie mehr dabei rauskommen – mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Zukunft.
Aber was, wenn das eine Illusion ist?
Was, wenn der individuelle CO₂-Fußabdruck kein Maßstab für persönliche Integrität, kein Zeichen für guten oder schlechten Charakter ist - sondern hauptsächlich dazu dient, uns von den eigentlichen Problemen abzulenken?
Die Geschichte des CO₂-Fußabdrucks
Es ist dieses bequeme Märchen: Wenn wir nur alle ein bisschen auf Fleisch verzichten, mit dem Rad zur Arbeit fahren und Bambuszahnbürsten kaufen, retten wir die Welt. Und wenn wir es nicht tun – nun ja, dann sind wir eben mitverantwortlich für das Ende dieses Planeten. Es ist ein Märchen, das sich gut verkauft, weil es einfache Antworten gibt in einer Welt, die keine einfachen Lösungen mehr kennt.
Doch es ist nicht nur bequem. Es ist gefährlich. Denn es verschiebt Verantwortung dorthin, wo sie strukturell gar nicht getragen werden kann: auf den Einzelnen.
Der CO₂-Fußabdruck, wie wir ihn heute kennen, ist kein neutrales Messinstrument. Er wurde – das ist kein Zufall – in den 2000ern von der Ölindustrie selbst popularisiert, genauer gesagt: von BP. Ein genialer PR-Trick. Die Message: Nicht wir sind das Problem. Du bist es. Du, mit deinem Lifestyle, deinem Flug nach Barcelona, deinem Avocado-Toast.
Das ist nicht nur zynisch, sondern eine gezielte Strategie kapitalistischer Verantwortungsdiffusion. Statt sich mit den Produktionsverhältnissen auseinanderzusetzen, die diese Krise hervorbringen, wird der moralische Druck individualisiert – verpackt in Lifestyle-Challenges und Konsumethik. Uns wird systematisch suggeriert, wir seien schuld am Artensterben - als hinge das Überleben ganzer Ökosysteme davon ab, ob wir vegane Haferkekse essen oder die konventionelle Alternative. Und so bleibt das System stabil, während wir uns gegenseitig dafür verurteilen, ob wir nun Hafermilch trinken oder nicht.
Doch das Problem ist nicht, dass wir konsumieren. Sondern wie dieser Konsum politisch gerahmt ist.
Wem wir durch unsere Stimme Macht geben. Welche Entscheidungen wir legitimieren. Und wie sehr wir ein Wirtschaftssystem mittragen, das auf Ausbeutung, Wachstum und Verdrängung basiert – während es so tut, als ließe sich mit Jutebeuteln und Recupbechern die Welt retten.
Verantwortung, die ablenkt
Die Geschichte vom individuellen Klimaschutz funktioniert gut, weil sie sich auf etwas verlässt, das viele ohnehin mitbringen: Verantwortungsgefühl, Nachdenklichkeit, ein gewisses ethisches Mitdenken. Und weil sie davon profitiert, dass wir glauben, nie genug zu tun.
Ich selbst habe meinen Fleisch- und Milchkonsum auch hinterfragt und geändert – aber nicht, weil der tausendste Vortrag über Tierwohl meiner vegetarischen Oma plötzlich gewirkt hätte (traurig, aber ist so), sondern weil ich in der Mensa ausgerechnet an einem CO₂-Fußabdruck-Plakat stehen geblieben bin.
In Anbetracht der Geschichte dieser Plakate ist es unglaublich ironisch - doch es hat mich mehr beschäftigt als jede Doku. Und es hat etwas in Gang gesetzt. Aber heißt das, ich habe ab jetzt wirklich keine Verantwortung mehr? Oder bin ich einfach nur tiefer eingestiegen in ein System, das mir ein gutes Gefühl verkauft, während sich eigentlich nichts verändert?
Wer sich diesen Konsumfragen stellt, handelt - auch unabhängig von BP - definitiv lobenswert.
Aber das eigentliche Problem liegt nicht bei denen, die sich fragen, ob sie zweimal im Jahr fliegen dürfen.
Es liegt bei einem System, das es erlaubt, dass die reichsten zehn Prozent weltweit für fast die Hälfte aller Emissionen verantwortlich sind – und trotzdem am wenigsten davon spüren.
Während im globalen Süden ganze Lebensrealitäten von Überschwemmungen, Ernteausfällen und Ressourcenmangel zerstört werden, diskutieren wir hier, ob wir Hafermilch im Pfandglas oder im Tetra Pak kaufen sollen. Das ist nicht nur zynisch. Es ist politisch bequem.
Denn wer damit beschäftigt ist, seinen Müll zu trennen und sich für gelegentliche Take-away-Boxen zu schämen, stellt keine unangenehmen Fragen. Fragt nicht nach der Macht der Industrie. Nach steuerbefreiten Privatjets. Nach einem Finanzsystem, das auf Ausbeutung basiert. Nach Konzernen, deren grüne Kampagnen mehr CO₂ kosten als ihre Produkte einsparen.
Marktdruck ist nicht gleich Systemwandel
Natürlich kann bewusster Konsum etwas bewirken. Wenn sich genug Menschen entscheiden, bestimmte Produkte nicht mehr zu kaufen, zwingt das Unternehmen dazu, ihr Angebot anzupassen. Die Supermärkte sortieren irgendwann das Billigfleisch aus, weil es niemand mehr will. Die Fluglinie wirbt mit CO₂-Kompensation, weil sie das Image retten muss. Und ja – das ist ein Hebel. Einer, der über Zeit wirkt, über Zahlen, über Nachfrage.
Aber es ist kein echter Ausstieg. Denn solange wir dem Markt die Spielregeln überlassen, bleibt auch der Wandel marktförmig: So grün wie nötig, so profitabel wie möglich. Solange es sich rechnet, bleibt alles, wie es ist – nur mit recycelbarem Deckel.
Was es braucht, sind politische Regulationen, die diesen Spielraum verschieben. Keine Appelle an individuelle Moral, sondern gesetzliche Grenzen. Verbindliche Emissionsgrenzen für Konzerne. Steuerreformen, die CO₂-intensive Produktion spürbar unattraktiv machen. Subventionen, die nicht mehr fossile Großindustrie am Leben halten, sondern echte Alternativen aufbauen.
Kurz: Eine Politik, die nicht mehr auf die Kaufkraft des guten Willens setzt – sondern auf Verantwortung, die einklagbar ist. Denn solange wir hoffen, dass der Markt sich selbst erzieht, werden wir in einem System gefangen bleiben, das uns wieder und wieder immer neue Produkte verkauft – und uns dabei das Versprechen aufdrückt, dass es diesmal wirklich reiche.
Klimaschutz für wen?
Selbst Parteien, die Klimaschutz glaubwürdig vertreten wollen, verlieren an genau dieser Stelle oft den Blick für Gerechtigkeit.
Die Grünen machen in vielen Teilen eine Klimapolitik für die Mittelschicht – aber nicht für die, die schon jetzt am Existenzminimum leben. Eine Wärmepumpe mag ökologisch sinnvoll sein, aber sie ist keine Option für jemanden, der sich nicht mal eine neue Waschmaschine leisten kann. Hafermilch und Biolebensmittel sind kein realisierbarer Lebensstil, wenn das Einkommen ohnehin nicht bis zum 20. des Monats reicht.
Wenn Klimaschutz an individuelle Konsumentscheidungen gekoppelt wird, dann bleibt er ein Privileg. Und das ist keine nachhaltige Politik – sondern eine, die soziale Schieflagen festschreibt.
Klimaschutz ist keine moralische Leistungsschau
Es ist keine private Charakterfrage.
Er ist eine Frage von Macht – und von Verteilung.
Denn nicht jeder CO₂-Fußabdruck ist freiwillig.
Viele Menschen leben klimafreundlich, nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen.
Sie fliegen nicht, weil sie sich kein Flugticket leisten können.
Sie kaufen regional, weil sie kein Auto haben.
Sie wohnen in schlecht isolierten Wohnungen, weil sie keine Wahl haben.
Und trotzdem wird Klimapolitik so gemacht, als hätten alle die gleichen Spielräume.
Wir reden über die Kosten der Transformation – aber kaum darüber, wer sie trägt.
Wir reden über Zukunft – aber nur, solange sie bequem ist.
Wir reden über Verantwortung – aber nie über Verantwortungsträger.
Was wir ändern müssen
Ich denke, wir brauchen eine andere Form von Klimaethik. Eine, die nicht auf individuellen Verzicht setzt, sondern auf Verantwortung in den Strukturen. Eine, die sich nicht an moralischem Verhalten abarbeitet, sondern am politischen System. Eine, die nicht fragt, ob du heute dein Sandwich in Bienenwachspapier eingewickelt hast – sondern ob es ein Gesellschaftsmodell geben kann, das Gerechtigkeit nicht nur behauptet, sondern ermöglicht.
Klimaschutz beginnt nicht im Kühlschrank.
Er beginnt bei der Frage, wer profitiert – und wer zahlt.
Wenn wir aufhören, Schuld zu verteilen, und anfangen, Verhältnisse zu analysieren, könnte es sein, dass diese Welt noch zu retten ist.
Nicht durch weniger.
Sondern durch etwas ganz anderes.
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