Der Mann, den ich kannte

Zwei Jahrzehnte. In etwa so lange lebe ich nun schon auf dieser Welt. Sechseinhalb Jahrzehnte. So lange lebte er auf dieser Welt. Und trotzdem lebten wir nur 10 Jahre, 6 Monate und 5 Tage gemeinsam auf dieser Welt.

ESSAYS UND GEDANKEN

5/27/20204 min read

Zwei Jahrzehnte. In etwa so lange lebe ich nun schon auf dieser Welt.
Sechseinhalb Jahrzehnte. So lange lebte er auf dieser Welt.
Und trotzdem lebten wir nur 10 Jahre, 6 Monate und 5 Tage gemeinsam auf dieser Welt.

548 Wochen. 3.842 Tage. 92.208 Stunden. 331.948.800 Sekunden. In etwa.

Ich erinnere mich nicht mehr an den Klang seiner Stimme. Ich erinnere mich auch nicht mehr an seine Launen. Doch ich erinnere mich an seinen Geruch.
Der Geruch nach altem Leder, Wolle und Aftershave.
Der Geruch nach Papa.

Manche Menschen erkennen in mir eine Ähnlichkeit zu ihm.
Eine Ähnlichkeit, die so auffällig sein muss, dass selbst Menschen, die mich nicht gut kennen, sie sehen können. Eine Ähnlichkeit, die scheinbar wirklich jeder sehen kann.
Nur ich nicht.

„Du hast seine Augen.“
Ich sehe in den Spiegel und erkenne die grünen Augen meiner Mutter. Seine waren blau.
„Das kann nicht sein. Ich habe das Gesicht meiner Mutter.“
„Das mag sein. Und dennoch sehe ich ihn in dir.“

„Du bist genauso ungeduldig und hyperaktiv wie er. Und du stehst immer im Weg. Genau, wie er.“
Dieses Mal ist es meine Mutter, die diesen Vergleich zieht. Ich selbst habe mich nie gefragt, woher ich diese Eigenschaften habe. Um ehrlich zu sein, dachte ich, sie gehörten einfach zu mir.

Doch wer war dieser Mann, dem ich angeblich so ähnlich bin? Wer war dieser Mann, den scheinbar alle anderen besser kannten, als ich?

Er war der Mann, der mir abends vor dem schlafen gehen „Der kleine Hobbit“ vorgelesen hat. Bestimmt fünfmal hintereinander.
Er war der Mann, der mich an verregneten Tagen mit in die Werkstatt nahm, um mit mir an unserem Segelschiffmodell zu bauen.
Er war der Mann, der an Weihnachten Stunden in der Küche stand und außerdem Dinge wie „Schmürbteller“ zusammenstellte.
Und er war der Mann, der seine vierjährige Tochter – zur Freude seiner PatientInnen – mit auf die Visite nahm, und den es nicht interessierte, was die Klinikleitung dazu zu sagen hatte.

Er war mein Vater.

There goes a day, there goes a week
So many goals I had to reach
The more I did, the less I cared
The more I miss the love you shared
If life is a song, somehow it’s sad
I don’t know the words without you dad
You’ve been on my mind all the time
And I’m missing you
Home used to be just some walls that I knew
But the truth is that home means nothing without you

All jene Erinnerungen, die ich an ihn habe, sind Kindheitserinnerungen.
Sie sind wunderschön.
Trotzdem habe ich nie die Chance bekommen, ihn auf eine andere Art und Weise kennenzulernen. Die Art und Weise, wie man seine Eltern kennenlernt, wenn man erwachsen wird.

Als Kind war ich keine gute Beobachterin. Dazu war ich viel zu verträumt.
Ich habe ihn immer nur in seiner Rolle als Vater gekannt. Nie habe ich darauf geachtet, wie er als Ehemann zu meiner Mutter war. Oder als Freund. Als Bruder. Als Arzt. Als Mentor. Als politisch denkender Mensch.

Dann traf ich auf Menschen, die ihn in diesen Rollen kannten.
90 Tage arbeitete ich in dem Krankenhaus, in dem er viele Jahre arbeitete. 90 Tage lang wurden mir viele Geschichten über diesen Mann erzählt – aus einer, für mich völlig neuen Perspektive. 90 Tage hatte ich einen Einblick in die Welt, wie er zu dir war, wenn du nicht seine kleine Tochter warst.

Es scheint mir, als wäre er kein einfacher Mann gewesen. Er war launisch. Er war nicht gut darin, diese Launen vor anderen zu verbergen.
Trotzdem schien ihn dort jeder seiner Mitmenschen geschätzt zu haben. Nicht nur fachlich, sondern auch als Mensch.
Am eindrucksvollsten ist mir die Geschichte der Krankenschwester in Erinnerung geblieben, die früher seine Haushälterin war. Die ihm half, seine zwei älteren, pubertierenden Töchter alleine großzuziehen. Die Krankenschwester, die er überzeugte, eine Ausbildung anzufangen und mehr aus ihrem Leben zu machen.
Sie arbeitet bis heute in diesem Beruf.

Ein völlig anderes Bild von ihm bekomme ich, wenn ich mit meinen Halbschwestern rede.
Für sie ist er der Mann, der plötzlich eine weitere Familie hatte. Ein weiteres Kind, mit einer neuen Frau.
Ich kann ihren Schmerz darüber verstehen.
Trotzdem kann ich auch seinen Wunsch verstehen, nach einer gescheiterten Ehe wieder glücklich zu werden.

Wenn ich meinen Onkel besuche, dann sehe ich ihn in ihm. In seiner Art, sich zu bewegen und zu sprechen. Und das, obwohl ich mich nicht einmal an seine Stimme erinnere.
Durch meinen Onkel erlebe einen Einblick in die Jugend meines Vaters. Sie war schon damals von Papierfliegern und Modellbauten geprägt. Dies ist ein Einblick, den ich nie hätte bekommen können, selbst wenn er noch lebte.

Nun merke ich, dass ich mehr von diesem Mann habe, als seine Gene und seinen Nachnamen.
Sein malerisches Talent ist voll und ganz an mir vorbeigegangen. Das gebe ich zu.
Doch ich habe seine Euphorie für Weihnachten. Ich habe – wenn auch deutlich milder ausgeprägt – sein Faible für klassische Musik. Und vielleicht habe ich später einmal die gleiche Leidenschaft für seinen Beruf, der irgendwann auch meiner sein wird.

There goes a month, there goes a year
So many things out there I fear
You helped me up when I was down
You taught me how to stand my ground
This life is a song, happy and sad
And I don’t want to sing without you dad
Maybe it’s selfish when I say these words
But I’m missing you
Home used to be just some walls that I knew
But the truth is that home means nothing without you

11 Jahre, 3 Monate und 6 Tage. So lange lebe ich nun schon ohne dich auf dieser Welt.

Es ist nicht so, als wollte meine Mutter nicht mit mir über dich reden.
Es ist nur so, dass ich vor diesen 90 Tagen nie gefragt habe.
Aus Angst, es könnten Emotionen hochkommen, die seit Jahren tief in mir schlummern.
Gerade kommen sie hoch. Und das ist vielleicht auch gut so.