Balkanbilder - ein Echo in deutscher Sprache
Von dunklen Mänteln, alten Monarchien und zu viel Vergangenheit in einer Sprache. Eine Reise durch Slowenien – zwischen Bahnhofstaverne, Börek und Bled – und die leise Frage, was es bedeutet, irgendwo fremd und trotzdem verständlich zu sein.
REISETAGEBUCH
4/17/20254 min read
Ljubljana, 28. Januar 2025
Wir kommen am frühen Nachmittag an. Eigentlich wollen wir direkt weiter – doch unser Anschlusszug fährt uns buchstäblich vor der Nase davon. Eine Minute zu spät, und der Plan ist dahin. Es nieselt. Wir ziehen die Kapuzen enger, sehen uns um und suchen nach einem Ort zum Durchatmen.
„Kaum zu glauben, dass das hier der Hauptstadtbahnhof sein soll“, sage ich leise. Es klingt nüchterner, als es gemeint ist.
Acht Gleise, ein kleines Wartehaus, ein Zigarettenautomat. Daneben ein Citydöner mit verblasster Leuchtreklame, der aussieht, als hätte er seine besten Tage in einem anderen Jahrzehnt gesehen. Keine Bäckereiketten, keine Coffeeshop-Klone, keine quietschenden Kühlregale, die mit deutschen Logos flackern.
„Eigentlich ist Slowenien gar nicht so rückständig, wie viele es vom Balkan erwarten würden“, sagt Daniel. „Die haben eine richtig stabile Infrastruktur und sind Marktführer bei E-Bikes.“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Der Bahnhof spricht eine andere Sprache.
Vor dem Bahnhof entdecken wir einen Foodtruck, der Automatenkaffee und Börek verkauft. Nichts Instagramwürdiges, doch Daniel bekommt sofort leuchtende Augen.
„In Albanien hab ich so viele davon gegessen – die sind sooo lecker.“
Kurze Zeit später sitzen wir auf einer kleinen weißen Bank mit einem dampfenden Börek und dünnem Kaffee in der Hand, der in einem weißen Pappbecher serviert wird. Der Regen hat nachgelassen. Menschen huschen vorbei, viele in dunklen Mänteln, mit ernsten Gesichtern, zielgerichtetem Blick.
„Fällt dir auf, dass hier fast niemand Farbe trägt?“ frage ich irgendwann.
Sie alle tragen dunkle Kleidung. Schwarz, Grau, Dunkelblau, vereinzelt ein mattes Oliv. Es fällt auf, wie sehr es nicht auffällt.
Daniel nickt. „Das ist ziemlich normal auf dem Balkan.“
Ich frage mich, warum das so ist. Vielleicht steckt mehr dahinter als bloß Gewohnheit oder Stilgefühl. Vielleicht misstrauen die Leute hier dem Auffallen. Vielleicht haben sie gelernt, sich lieber zurückzunehmen, leiser zu leben. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten – sondern weil Sichtbarkeit einmal riskant war. Und manchmal noch ist.
In Ländern, deren jüngste Vergangenheit von Kriegen, Systemwechseln und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt war, wirkt das Leben oft pragmatischer, konzentrierter. Das Außen bleibt funktional. Die Farbe für sich zu beanspruchen – sie scheint ein Luxus zu sein, den man sich leisten können muss. Oder einer, den man sich bewusst versagt.
Gerade als ich diesen Gedanken denke, läuft eine junge Frau an uns vorbei – beige Steppjacke, streng gebundener Dutt, und über der Schulter eine grellpinke Handtasche, die in dieser Szenerie fast unangenehm leuchtet. Sie wirkt nicht unbedingt modischer als die anderen, eher – fehl am Platz.
Ein paar Köpfe drehen sich, nicht lange, und kaum merkbar. Und dennoch frage ich mich, ob sie das bemerkt. Oder längst gewohnt ist, aufzufallen.
Wir schauen dem Strom der Menschen nach, wie sie zwischen Bushaltestellen und Unterführungen verschwinden, still und gleichmäßig. Kein Schick, keine Pose. Nur Alltag.
Vielleicht fällt mir der Kontrast genau deswegen auf – weil ich aus einer Welt komme, in der Individualität so laut propagiert wird, dass sie oft zur Uniform wird. Hier dagegen scheint es anders zu sein. Und ich begreife, wie wenig ich in diesem Balkankosmos bisher begreife.
Nur wenige Minuten später sitzen wir in einer der modernsten Regionalbahnen, die ich seit langem gesehen habe. Große Fenster, leiser Motor, viel zu sauber, um mit dem Bild vom „Balkan“ zusammenzupassen, das sich in meinem Kopf hartnäckig hält. Langsam beginne ich zu verstehen, was Dani meinte, als er von guter Infrastruktur sprach.
Eine Stunde später spuckt uns der Zug in Lesce aus – ein Ort, der für uns mehr Umstieg als Ziel ist. Es ist schon dunkel, der Himmel hängt tief, die Luft ist feucht, und wir haben eine halbe Stunde Zeit, bis unser Anschlussbus kommt.
Wir suchen Schutz in einer kleinen Bahnhofstaverne. Holzverkleidung, Fernseher mit Sportübertragung, Männer mit Bierkrügen vor sich. Ich bin nicht allein hier – Dani setzt sich an einen der freien Tische – aber ich bin es, die zur Theke geht, um zu zahlen.
Schon auf dem Weg dorthin spüre ich, wie sich einige Blicke auf mich richten. Keine offene Ablehnung, eher ein kurzes Innehalten, ein leichtes Stirnrunzeln. Einer schaut auf, dann wieder weg. Ein anderer sieht mich etwas zu lange an, als müsste er erst einordnen, was an mir nicht ganz in diese Szenerie passt.
Ich halte meine Karte an das Lesegerät, die Frau hinter dem Tresen nickt knapp. Es ist definitiv kein unfreundlicher Ort – es ist eher so, als hätte ich versehentlich einen Raum betreten, der inoffiziell als Männerreservat gilt. Frauen in Kneipen scheinen hier wohl nicht zum Alltag zu gehören.
Nachdem wir beinahe in den falschen Bus eingestiegen wären, sitzen wir schließlich in einem großen Reisebus, der sich schwungvoll in jede Kurve legt.
Nach nur fünf Minuten Fahrt sehe ich Dani an. „Wir müssen hier raus.“
Er nickt – und so landen wir also etwas unkoordiniert. an unserem Endziel: Bled.
Daniel war vor ein paar Jahren schon einmal hier. Damals nur kurz auf der Durchfahrt, ein kleiner Spaziergang am See, ein Eis an der Promenade, dann musste er wieder weiter.
Jetzt wollte er wieder her - mit dem Wunsch, mehr Zeit dort zu verbringen.
Mit unseren zu voll gepackten Rucksäcken stapfen wir durch feuchte Luft und matschige Wege zu unserer Unterkunft – ein altes Kellerhaus, umgebaut zum Hotel. Es riecht es nach Raucharomen, altem Holz und Gemütlichkeit.
Als uns die Rezeptionistin in fast akzentfreiem Deutsch begrüßt, bin ich kurz irritiert. Dann erinnere ich mich: Slowenien war einst Teil der Habsburger Monarchie, jahrhundertelang eng verknüpft mit dem deutschsprachigen Raum. Bis heute spürt man diese Verbindung – nicht nur in der Architektur oder den Speisekarten, sondern auch in den Sprachen, die hier noch gesprochen werden.
Deutsch ist keine Fremdsprache im klassischen Sinne sondern eher ein verblasstes Echo historischer Nähe. Eine Sprache, die geblieben ist – auch wenn die Grenzen sich längst verschoben haben.
Damals, unter der Habsburgermonarchie, war Deutsch die Sprache der Verwaltung, der Bildung, des sozialen Aufstiegs. Wer etwas werden wollte, musste deutsch sprechen. Slowenisch dagegen galt lange als ländlich, rückständig, ungebildet – nicht offiziell verboten, aber systematisch entwertet.
In Städten wie Ljubljana wurde der öffentliche Raum zunehmend verdeutscht: Straßenschilder, Schulpolitik, Literatur – all das trug die Handschrift einer kulturellen Vormachtstellung, die weit mehr war als bloße Sprache. Es war ein Mittel der Kontrolle, ein Ausdruck von Klassenverhältnissen, nationaler Dominanz, und einem Europa, das sich nicht als Vielheit verstand, sondern als Ordnung.
Heute begegnet uns Deutsch dort mit überraschender Selbstverständlichkeit – freundlich, dienstleistend, fast beiläufig. Und so wechseln wir an der Rezeption nahtlos ins Deutsche, ohne nachzudenken. Nicht, weil es notwendig wäre. Sondern weil es möglich ist. Die Rezeptionistin spricht fließend – nicht, weil sie in Deutschland gelebt hätte, sondern weil sie an der Universität Tourismus studiert hat. Deutsch war Teil des Curriculums. Ein Muss, kein Zufall. Und so bleibt eine Sprache, die einmal von oben kam, auch heute noch eine Eintrittskarte. Nur dass es heute höflicher klingt.
Und ich weiß nicht, ob mir meine Sprache hier Zugehörigkeit verspricht oder ob sie mich an eine Vergangenheit erinnert, für die ich dennoch keine Verantwortung trage.
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