Auf Standby mit dem Schicksal, oder auch: bleiben, während alles geht.

Ein Gate, ein überbuchter Flug und eine Entscheidung, die man nicht mehr rückgängig machen kann. In diesem Beitrag erzähle ich von einem Moment zwischen Müdigkeit, Spontanität und der Frage, ob es manchmal reicht, das Richtige zu tun – auch wenn es sich nicht sofort gut anfühlt.

REISETAGEBUCH

9/24/20243 min read

Zurück im Hotel stopfe ich meine Sachen in den Rucksack und gehe in die Lobby. Die anderen Deutschen sind immer noch auf hundertachtzig. „Unfassbar, wie schlecht hier alles organisiert ist“, schimpft einer. „Wir fliegen nie wieder mit Turkish Airlines“, pflichtet ihm die andere bei.
Ich frage sie, was sie heute gemacht haben – mehr aus Interesse daran, ob sie ihren Tag irgendwie genutzt haben, als aus echtem Mitgefühl für ihre Situation. Ich rechne damit, dass sie sich den ganzen Tag im Hotel verbarrikadiert haben und verstehe dann vielleicht sogar, warum sie so genervt sind.

Aber nein. Sie waren in der Stadt. Haben sich ein Taxi genommen, die Hagia Sophia besucht. Sind denselben Weg gegangen, den ich heute genommen habe. Nur halt bequem. Ich schüttle den Kopf. Zum Glück fliegen sie jetzt in eine ganz andere Richtung.

Am Flughafen rufe ich ihnen noch ein flüchtiges „Guten Flug“ zu, dann bin ich weg. Ich schlängle mich durch Security, Passkontrolle, sitze endlich am Gate. Ein letztes Telefonat mit Dani. Dann geht’s los.

Denke ich.

Kurz vor Boardingbeginn kommt die Durchsage: „This flight is overbooked.“

Hm. Eigentlich logisch, der halbe Flieger von Frankfurt wurde umgebucht, dazu die ganzen Backpacker, die jetzt nach Indonesien wollen. Sie bieten uns 600€, eine Hotelübernachtung, Hoteltransport und einen garantierten Sitzplatz im nächsten Flieger – 24 Stunden später.

Ich denke kurz nach.

Nee man. Der eine Tag hier war echt schön, aber nach den sechs Stunden Busfahren – mit ungewissem Ende – werde ich mir das morgen nicht noch mal geben. Und den ganzen Tag in diesem Flughafenhotel rumhängen? Sicher nicht.

Doch dann merke ich, wie müde ich bin. So richtig. Diese Art von Müdigkeit, die nicht mit einem kurzen Powernap weggeht. Und wenn ich ehrlich bin, werde ich morgen eh nichts reißen können. Also warum eigentlich nicht?

Alle anderen stehen da mit Anschlussflügen nach Bali, mit durchgeplanten Reisen, mit Reservierungen, die sie nicht verpassen dürfen. Und Ich? Ich hab nichts außer einer Hostelbuchung, die ich seit eh schon seit zwei Tagen per WhatsApp immer weiter nach hinten schiebe.

Niemand meldet sich. Es folgt ein zweiter Aufruf.

600€ würden 60% meiner Flugkosten decken und außerdem macht dieser eine Tag keinen Unterschied für mich, während er für andere sehr viel bedeutet: Neben mir steht ein Ingenieur von Turkish Airlines. Er soll in Jakarta eine Maschine reparieren, aber hat – weil sein Einsatz kurzfristig ist – kein reguläres Ticket. Sie lassen ihn standby fliegen, sollten sich genug Leute für das Angebot entscheiden oder ein anderer Anschlussflug ebenfalls Verspätung haben – und die Passagiere darin nicht auftauchen. Alle anderen steigen ein, die Schlange leert sich. Übrig bleiben er und ich, die sich immer noch nicht sicher ist. Nervös tritt er vom einen Bein aufs andere. Wenn dieses andere Flugzeug kommt, gibt es keine Restplätze für ihn mehr.

„It’s so silly. I’m their own engineer and I have to repair this machine today – and they probably won’t let me fly.“

Ich zögere kurz, dann sage ich: „You can have mine, if it’s possible to transfer it directly to you.“

Er sieht mich an, als hätte ich gerade sein Leben gerettet. Ich melde mich als Backup. Der Airline-Mitarbeiter meint, dass es wahrscheinlich nicht nötig sein wird. Der Anschlussflug, auf den sie warten, ist immer noch nicht da. Dann wäre Platz für uns beide.

Eine Aufzugtür öffnet sich. Ein ganzer Schwall asiatischer Passagiere strömt ins Gate. Der Ingenieur rollt genervt die Augen und murmelt etwas, das stark nach „Oh fuck“ klingt.

Der Airline-Mitarbeiter guckt mich an. „Last chance to keep your ticket, it’s up to you.“

Ich stelle mir für einen Moment vor, wie ich anstelle des Ingenieurs in Jakarta aus dem Flugzeug steige und versuche, mit einem Schraubenschlüssel ein Triebwerk zu reparieren. Dann reiche ich ihm mein Ticket.

Der Airline-Mitarbeiter ändert die Daten und der Ingenieur nickt mir zu, greift nach seinem Koffer und verschwindet durch den Gang ins Flugzeug. Der Airline-Mitarbeiter nimmt die Schilder für das Priorityboarding ab und schließt das System. Die Tür fällt zu. Das Gate ist geschlossen.

Und ich stehe da.
Fühle mich wie bestellt und nicht abgeholt.

Ich sitze noch eine Weile, während er meine Passnummer notiert und mir telefonisch einen Platz für morgen organisiert.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich bewusst an einem geschlossenen Gate stehe und meinen eigenen Flieger sehe.
Und dann sehe ich ihn losrollen. Sehe ihn starten. Sehe ihn verschwinden.

Und ich sitze nicht drinnen.

Und in diesem Moment bin ich bin mir nicht sicher, ob ich es nicht doch bereue.