100 Tage und ein paar Nächte

Über den M2-Lernplan, stille Erschöpfung und die Frage, wem wir da eigentlich etwas beweisen wollen

ESSAYS UND GEDANKENMEDIZIN & WISSENSCHAFT

4/3/20252 min read

Es gibt diese Phasen, in denen der Alltag zum Tunnel wird. Der Wecker klingelt, bevor wir wirklich geschlafen haben. Der Kalender sagt: noch 93 Tage. Noch 52. Noch 18. Alles läuft auf diesen einen Punkt zu – auf das M2. Das schriftliche Staatsexamen. Drei Tage, 320 Fragen, eine Prüfung, bei der keine Lücke existieren sollte. Und plötzlich ist das Leben reduziert auf Kreuzen, Skripte, Wiederholen, Wiederholen, Wiederholen.

Ich habe diesen 100-Tage-Plan gemacht, wie alle anderen auch. Ich habe ihn gewissenhaft begonnen, mir Kapitel eingeteilt, hilfreiche Websites aufgeschrieben, Lernzeiten geplant (Shoutout an der Stelle an lernplan.net und den Lernzeitrechner). Ich habe versucht, all das einzuhalten, während ich aber innerlich eigentlich schon wusste, wie brüchig das Fundament ist, auf dem dieser Plan gebaut war.

Denn das Leben hört in diesen 100 Tagen ja nicht auf. Es läuft weiter. Es schert sich nicht darum, dass da noch zwei Lernrunden fehlen oder dass eigentlich heute Pathologie dran wäre. Das Leben nimmt keine Rücksicht, wenn sich plötzlich eine andere Realität in dein System brennt – so tief, dass selbst die präziseste Lernkarteikarte darin verblasst.

In dieser Zeit hat sich ein Freund von mir das Leben genommen.

Ein Mensch, den viele geliebt haben. Einer, der sozial war, vernetzt, klug, witzig. Und dann plötzlich weg. Einfach so. Als wäre all das Netz, all das Gute, das man ihm gewünscht hat, an einer Stelle gerissen, die wir nicht gesehen haben. Vielleicht auch nicht sehen wollten.

Ich weiß noch, wie ich an diesem Abend in meinem Lernplan stand. Tag 72. Ich wollte eigentlich ein Kapitel wiederholen. Ich konnte nicht mal mehr lesen.

Und ab da wurde es still. Nicht um mich herum – das Tippen, das Scrollen, das Wiederholen ging weiter. Aber es wurde still in mir.

Ich habe weitergemacht, natürlich. Habe Kreuze gesetzt, Marker gezogen, mir eingeredet, dass es wichtig ist, jetzt nicht rauszufallen. Doch ein Teil von mir war längst draußen. In einer anderen Realität, in der Prüfungen plötzlich nicht mehr so wichtig waren. Und gleichzeitig irgendwie noch wichtiger, weil sie zumindest eine Form von Struktur gaben.

Diese 100 Tage waren bedrückend. Nicht nur, weil der Stoff zu viel und die Zeit zu knapp war. Sondern weil sie gefühlt alles andere überlagert haben, was im Leben sonst Platz braucht. Zwischenmenschlichkeit. Trauer. Ruhe. Atmen.

Und irgendwann gegen Ende kam dieser Moment, in dem ich merkte, wie absurd das alles ist. Wie sehr ich mich darin verloren habe, alles perfekt machen zu wollen. Jedes Kapitel gelesen und verinnerlicht zu haben. Wie sehr ich plötzlich glaubte, ich müsste mich beweisen – gegenüber dem IMPP, aber auch gegenüber mir selbst.

Doch vieles davon machen wir gar nicht, um zu bestehen.
Wir machen es, um das eigene Gewissen zu beruhigen.

Wir lernen nicht, weil wir glauben, dass das Wissen auf diese Weise sicher sitzt – sondern weil wir Angst haben, sich später vorzuwerfen, nicht alles versucht zu haben. Als hinge unser Bestehen an genau den drei Kapiteln, die wir nicht mehr geschafft haben - und nicht an der Tatsache, dass das Leben manchmal dazwischenkommt. Dass Trauer, Erschöpfung, Schmerz nicht mitgeplant waren – aber trotzdem da sind. Und alles schwerer machen, auch das Lernen.

Und genau deshalb ist es so entlastend, zu merken:

Ein Lernplan ist kein Maßstab für Selbstwert. Kein Ergebnis auf der Statistik kann darüber entscheiden, ob wir ein guter Mensch, eine gute Ärztin, ein gute Freundin sind. Und auch kein Häkchen hinter einem Lernziel wird je das Gefühl ersetzen, sich selbst zu vertrauen.

Denn das eigentliche Vertrauen entsteht nicht aus dem Abarbeiten jedes Plans.
Sondern aus dem Wissen, dass wir denken, verstehen und entscheiden können.
Dass wir nicht alles schaffen müssen, um vorbereitet zu sein –
sondern nur uns selbst wieder zutrauen, dass wir es können.

Selbstvertrauen entsteht nicht, weil wir alles perfekt durchziehen.
Sondern weil wir begreifen, dass wir es nicht müssen,
um genug zu sein.